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Munich Kyiv Queer wird fünf!

07.01.2018 | cb — Keine Kommentare
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Im Kleinen fing alles an. Zu dritt saßen sie im November 2012 in einem kalten Raum bei Diversity, Münchens LesBiSchwulem und Trans*-Jugendzentrum, und beschlossen, eine Kontaktgruppe zu gründen. Sibylle von Tiedemann, Stephan Weiß und Conrad Breyer. Das Münchner Schwulenzentrum Sub und die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen boten Starthilfe. Eine lose Initiative formierte sich, die zwischen Kyiw und München, den beiden Partnerstädten, Projekte vermitteln sollte. Das Ziel: gemeinsam die Menschenrechtslage für Lesben, Schwule, Bi*, Trans* und Inter* (LSBTI) in der Ukraine verbessern. Dort nämlich gelten vielen bis heute sexuelle Minderheiten als krank.

Ein bisschen Zeitgeschichte

Gut fünf Jahre ist das jetzt her. Seitdem ist viel Gutes passiert, was endlich einmal gefeiert werden will. Munich Kyiv Queer lädt deshalb Partner*innen, Unterstützer*innen und Freund*innen der Gruppe zu Wodka, Sakuski und Party. Ein Dankeschön für all die Jahre der wohlmeinenden Begleitung. Los geht’s am Samstag, 13. Januar, ab 19 Uhr in die Angertorstraße 3 (LeTRA), wo es für die Ehrengäste des Abends – das sind alle – ukrainische Häppchen, Trinksprüche und Partymusik aus der Ukraine gibt. Weitere Drinks verkauft LeTRa zum Selbstkostenpreis. Außerdem im Programm: eine Ausstellung („Das Beste aus 5 1/6 Jahren Munich Kyiv Queer“) und eine Kunstaktion.

Wie kam das alles? Im Mai 2012 sollte in Kyiw der erste CSD des Landes stattfinden. Radikale Christen und Nationalisten sorgten aber dafür, dass die Veranstaltung gar nicht erst stattfinden konnte. Die Polizei wollte die Demo der „Perversen“ nicht schützen. Aus München waren damals Stadträtin Lydia Dietrich und der Sub-Berater Sascha Hübner eingeladen; sie sind die eigentlichen Initiator*innen der Zusammenarbeit. Beide haben erlebt, wie bei einer Pressekonferenz der Veranstaltenden ein LSBTI-Aktivist verprügelt und schwer verletzt wurde; einen zweiten haben die Rechten wenige Tage später erwischt: Taras Karasiichuk. Der folgte – mit zwei anderen Gästen aus Kyiw, Olena Semenova und Stanislav Mishchenko – trotz seiner Verletzung im Juli der Gegeneinladung des Münchner CSD. Zusammen rüttelten die drei im Sommer 2012 die Münchner Szene derart auf, dass die nach einer Debatte im Sub spontan beschlossen, sich solidarisch zu zeigen.

Eine Reihe beispielloser Erfolge

Eine lebendige Städtepartnerschaft sollte entstehen wie man sie aus der eigenen Schulzeit unter anderem mit Frankreich kennt. So bildete sich Munich Kyiv Queer, die die Aktionen der LSBTI-Communitys beider Städte koordinieren sollte. Die Arbeit der Gruppe fand schnell Zuspruch und so machten sich die Mitfrauen und Mitglieder auf die Suche nach festen Räumen und Spenden. Die Infrastruktur bot ihnen das Sub. Hier laufen die Spendengelder auf, hier trifft sich Munich Kyiv Queer jeden dritten Dienstag im Monat. 2013 stattete die Stadt München auf Stadtratsbeschluss hin den CSD München mit einer jährlichen Förderung aus, um die parallel existierende Pride-Partnerschaft zwischen CSD und KyivPride zu stützen, die Munich Kyiv Queer begleitet. Treibende Kraft dahinter: Stadträtin Lydia Dietrich (Bündnis 90/Die Grünen) und Stadtrat Thomas Niederbühl (Rosa Liste). Ihnen gebührt aller Dank!

So folgte die erste Fotoschau – der LSBTI-Aktivist Stanislav Mishchenko zeigte im Sub die Fotoreihe „K-People“ – und bald kam eins zum anderen. Weitere Ausstellungen, zum Beispiel „Gay Propaganda“, die mittels Live-Schalte während des Maidan im Februar 2014 zeitgleich in Kyiw und München eröffnet wurde, Debatten zum Zustand der Community und der Staatspolitik in beiden Ländern, Workshops für ukrainische Ehrenamtliche (Uwe Hagenberg), Konzerte, immer wieder Dokumentarfilme und im Zentrum: die Kooperation zwischen CSD und KyivPride.

Die Lage hat sich verbessert

Die Geschichte von Munich Kyiv Queer erzählt von großen Momenten. Von Anfang an hat die Gruppe den KyivPride unterstützt, der inzwischen jedes Jahr mehrere Tausend Leute in der Innenstadt versammelt – unter massivem Polizeischutz zwar, aber die Demo ist sicher. Letzten Sommer waren erstmals Drag Queens dabei. Im Jahr 2013, als die Münchner Delegation mit Bürgermeister Hep Monatzeder und Lydia Dietrich an der Spitze zum zweiten Mal nach Kyiw fuhr, um am Pride teilzunehmen, war das noch überhaupt nicht absehbar. 1500 Polizisten schützten damals 150 Aktivist*innen, die massiven Angriffen ausgesetzt waren. Aber der Marsch fand statt; es war ein historisches Ereignis.

Und so ging es weiter. Der KyivPride wurde größer, inzwischen unterstützt München auch den OdesaPride. Im Sommer 2017 fand dort zum ersten Mal das Creative Protest Festival statt nach einer Idee der Münchner Künstlerin Naomi Lawrence, dem kreativen Motor der Kontaktgruppe seit jeher. Mit künstlerischen Mitteln friedlich für seine Botschaft werben – das hat in der Ukraine inzwischen Schule gemacht.

Jetzt mal feiern!

Und die Lage für Lesben, Schwule, Bi*, Trans* und Inter*? Hat sich seit dem EuroMaidan 2013/2014 deutlich verbessert. Der Druck der ukrainischen Zivilgesellschaft, der Menschenrechtsorganisationen, der EU, USA, der Druck aus München, hat die Community nicht nur sichtbarer und damit ein Stück „normaler“ gemacht, sie hat auch konkret Niederschlag in der Gesetzgebung gefunden. So gibt es z.B. einen Antidiskriminierungsschutz am Arbeitsplatz, die Transition transidenter Menschen ist humanisiert und deutlich vereinfacht worden. Freilich ist noch vieles zu tun, die Ignoranz ist groß, aber die Grundlagen sind gelegt. Da heißt es: Nicht nachlassen im Kampf für gleiche Rechte. Aber nun wird erstmal Party gemacht!

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