Polina: „Ich kehre zurück mit dem Wissen, dass unser Kampf unbedingt Früchte tragen wird“

Voneinander lernen, gemeinsam kämpfen. Das ist das Motto, unter dem Munich Kyiv Queer seit Jahren queere Menschen aus der Ukraine zum „Volunteers Workhop“ nach München einlädt. Im Fokus: Das Ehrenamt. Das Ziel: Vermitteln, was die Community dank des Engagements ihrer Mitglieder alles erreichen kann! Im „Volunteers Blog“ schreiben unsere Gäste, was sie bewegt. Heute ist Polina dran: Die Geschichte Münchens macht ihr Hoffnung für ihr eigenes Land. Die ehemalige „Stadt der Bewegung“ gehört heute den queerfreundlichsten Städten der Welt.

Freitag war Schluss mit unserem Workshop in München. Es war nochmal ein unglaublich intensiver Tag. Sowohl, was das emotionale Engagement angeht, wie das ganze Wissen, das wir miteinander ausgetauscht haben.

Wir kamen ein letztes Mal als Gruppe zusammen, um die fünf Tage, die wir hier verbracht hatten, Revue passieren zu lassen. Ich hoffe sehr, dass es nicht das letzte Mal im Sub war!

Polina (u.l.) mit ihrer Gruppe bei der queeren Stadtführung. Bild: MKQ
Polina (u.l.) mit ihrer Gruppe bei der queeren Stadtführung. Bild: MKQ

Für mich war diese Zeit eine Gelegenheit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Sie stellen eine unglaubliche Ressource dar. Das Gefühl von Unterstützung und Verständnis innerhalb unserer ukrainischen Gruppe und darüber hinaus unter den Menschen, die in München leben, hat meinen Wunsch nur noch verstärkt, mich für die Entwicklung des queeren Aktivismus zu Hause einzusetzen.

Freiheit muss erkämpft werden

Ein besonderer Teil des Tages war die Führung zu den bedeutendsten queeren Orten Münchens. Die meisten davon liegen in der Müllerstraße, die die Leute hier als ihr „Wohnzimmer“ bezeichnen. Für mich ist dies ein Symbol für vollständige Akzeptanz und auch ein Zeichen dafür, wie sicher man sich der eigenen Identität sein kann.

Polina (r.) mit Volodymyr (l.), Nastia und Alex im Grünen. Foto: MKQ
Polina (r.) mit Volodymyr (l.), Nastia und Alex im Grünen. Foto: MKQ

Die Geschichte dieses Viertels erinnert allerdings auch daran, wie zerbrechlich Freiheit sein kann. Wir erfuhren von den Repressionen gegen queere Menschen, die 1933 in München mit der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau begannen. 1934, nach der „Nacht der langen Messer“, verschärfte sich die Lage. Und heute? München war einst ein Zentrum von Pogromen, inzwischen gehört die Stadt zu den Top 10 der queerfreundlichsten Städte der Welt. Das beweist: Veränderungen sind möglich – selbst nach den dunkelsten Zeiten.

Ein Dank an Uwe

Besonders Uwe möchte ich noch erwähnen. Er begleitete unsere Gruppe die fünf Tage über, und ihm ist es zu verdanken, dass dieses Projekt in dieser Form überhaupt existiert. Uwe stellte persönlich den Plan für unsere Treffen mit den Organisationen zusammen, die wir besuchen sollten, und orientierte sich dabei genau an unseren Wünschen und Bedürfnissen.

Polina (r.) mit Dolmetscherin Christina. Foto: MKQ

Sein eigener Weg als Ehrenamtlicher und seine Offenheit sind unglaublich inspirierend. Der Austausch mit ihm hat mir geholfen, meine innere Angst zu überwinden, dass wir unseren Kampf in der Ukraine verlieren könnten. Die Erfahrungen von Menschen wie Uwe zeigen, dass der Weg zur Gleichberechtigung lang ist, aber jeden Schritt wert.

Erzählcafé mit Freund*innen

Der Abend endete im Format eines Erzählcafés. Ich teilte meine Erfahrungen als Aktivistin in der Ukraine und erzählte von Gesetzesentwürfen, für deren Umsetzung wir kämpfen, und von den Risiken eines Rückschritts, die etwa das neue Zivilgesetzbuch für LGBTIQ* darstellt. Es war wichtig zu sehen, dass die Menschen in München sich aufrichtig um uns sorgen – sowohl um uns als Ukrainer*innen wie auch um uns als Teil der queeren Community.

Die Tage in München haben mir die Möglichkeit gegeben, mich ein wenig von dem ständigen Stress und den Beschüssen zu erholen, die zu Hause meine psychische Verfassung zermürben. Ich kehre zurück mit neuem Wissen, Unterstützung im Herzen und vor allem mit dem Glauben daran, dass unser Kampf unbedingt Früchte tragen wird. Die Freiheit, in der Ukraine einmal sein zu können, wie mensch ist – das ist es, wofür es sich lohnt, weiterzukämpfen.

So könnt Ihr helfen

EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschand an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Zurück zur Übersicht