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Münchner Kiss-In vor dem Russischen Generalkonsulat

08.09.2013 | cb — Keine Kommentare
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500 Frauen und Männer folgten dem Aufruf, zum Kiss-in zu kommen. Bild: Benedikt Schreiber

München, 8. September 2013 – Liebe gegen Hass, Information statt Propaganda, herze Deinen Feind. 500 Frauen und Männer haben sich am Sonntagnachmittag vor dem russischen Generalkonsulat eingefunden. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle, und nicht nur sie, waren gekommen, um am Europaplatz hinterm Friedensengel die Liebe zu feiern – in Worten, Musik und Taten, wie es das Programm für die Kundgebung To Russia with Love verhieß.

Anlass für die Kundgebung: Russlands Gesetz gegen so genannte Gay-Propaganda.  Seit das russische Parlament, die Staatsduma, im Juni jedwede positive Information über Homosexualität in Gegenwart Minderjähriger verboten hat, – vermeintlich, um die Kinder zu schützen –  empört sich die ganze Welt. Das Gesetz beschneidet die Menschenrechte im Land und gibt die Jagd frei auf alle, die anders sind.

Hunderte sind gekommen

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„Wir protestieren gegen dieses menschenverachtende Gesetz“, so Barbara Lux von Munich Kiev Queer. Bild: Benedikt Schreiber

Im Rahmen der weltweiten Aktion „To Russia with Love“ hat sich München am Sonntag gegen die homophobe Politik Russlands gewehrt. 56 Städte auf der ganzen Welt haben sich beteiligt, in Deutschland unter anderem Berlin, Hamburg, Stuttgart, Bonn und Trier. Dem Aufruf der Veranstalter, des Münchner Schwulenzentrums Sub und der Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer, sind an dem Tag Hunderte Münchnerinnen und Münchner gefolgt, obwohl und vielleicht weil kurz zuvor auch der Run for Life stattgefunden hat.

Gekommen sind – es ist Wahlkampf – natürlich auch die Parteien, allen voran die Grünen, aber auch die CSU mit Stadtrat Marian Offmann, von der FDP Bundestagskandidat Manfred Krönauer, die Linke war mit Julia Killet vertreten. Es waren da der Pirat Florian Deissenrieder und Thomas Niederbühl. Weil Run for Life war, konnte der Rosa-Liste-Stadtrat allerdings erst zum Schluss kommen.

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Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich erinnert an den KyivPride. „Unterstützt die Arbeit von Munich Kiev Queer.“ Bild: Benedikt Schreiber

Liebe in Wort, Musik und Taten – das war das Motto des Nachmittags. Durch das Programm führten Barbara Lux und Thomas Lechner, beide Munich Kyiv Queer. Lux begrüßte zunächst alle Ehrengäste des Tages, dankte Spendern und Sponsoren, dem Harry Klein und der Assekuranz Thomas  & Kollegen und informierte über die Vorgaben des KVR.

Weg von der Bannmeile

Das war überhaupt ganz wichtig: Die Vorgaben des KVR und der Polizei. Die Flugsicherheit hatte das Fliegenlassen von 100 regenbogenfarbenen Ballons zugelassen. Vor dem Konsulat direkt durfte nicht demonstriert werden, das ist eine Bannmeile, und auch die Gehwege und Fahrbahnen sollten frei gehalten werden. Das ist in Deutschland eben so, alles muss seine Ordnung haben. Die Polizisten waren insgesamt aber wirklich sehr freundlich.

 Im Konsulatsgebäude war am Sonntag ohnehin niemand beschäftigt; nur ein paar Kinder tollten im Innenhof rum. Sie hat eine Frau schnell zur Seite genommen – womöglich werden die sonst lesbisch oder schwul.

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Zwei Fahnen schließen Freundschaft. Bild: Benedikt Schreiber

 „Wir wollen heute Solidarität zeigen mit allen Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen in Russland und Osteuropa“, sagte Barbara Lux zur Eröffnung der Kundgebung. „Ihr seid nicht allein. Wir protestieren gegen dieses so unmenschliche Gesetz.“ Und Lux rief die russische Seite zum Dialog auf. „Es geht ums Miteinander, wir können viel voneinander lernen.“

Die Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer, die die Zusammenarbeit der städtepartnerschaftlich verbundenen Münchner und Kyiwer LGBT-Community koordiniert, hatte zum Kiss-In auch den Generalkonsul der Russischen Föderation eingeladen, Herrn Andrey Jurewitsch Grozow. Der hat am selben Tag während der Veranstaltung zwar einen Brief geschrieben, gekommen war aber nur Herr P. Mehr dazu später.

Kinder muss der Staat schützen

Was Herr Grozow geschrieben hat? Nur Nettigkeiten selbstverständlich. Diskriminierung, so der Generalkonsul, sei in Russland verboten. Die russische Verfassung schütze sexuelle Minderheiten. Gegen den Schutz von LGBT dürfe auch niemand etwas haben. Die Gegner des Gesetzes legten den Text bewusst falsch aus. Es gehe da nur um ein aggressives Bewerben von Homosexualität in Gegenwart Minderjähriger. Und viele Gay-Aktivisten würden ja bewusst aggressiv zum Beispiel vor Kinderbetreuungseinrichtungen demonstrieren. NGOs und LGBT-Aktivisten könnten unbehelligt arbeiten.

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Aus Kontaktanzeigen und literarischen Texten liest Sibylle von Tiedemann, Munich Kyiv Queer. Bild: Benedikt Schreiber

Notwendig findet Grozow das Gesetz aber offenbar schon. Denn der Staat sei verpflichtet, Kinder vor Informationen zu schützen, die ihrer Gesundheit, ihrer ethischen  und geistigen Entwicklung schaden. In die Falle getappt.

Ukraine – pass auf!

In der Ukraine liegt seit einem Jahr ein ähnliches Gesetz im Parlament auf Eis. Barbara Lux von Munich Kyiv Queer warnte das Land davor, dem Beispiel Russlands zu folgen. Denn das Gesetz ist in Wirklichkeit ein Freibrief für die Verfolgung von Homosexuellen; Übergriffe häufen sich.

Die Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich, die im Mai beim Pride in Kyiw dabei war, gab im Anschluss einen kurzen Bericht zum Thema. Die Historie ist bekannt: 2012 war der Pride gescheitert, 2013 gelang er – auch mit Unterstützung Münchens. Dietrich rief die Münchner Community dazu auf, die Kyiw-Arbeit der Münchner Szene zu unterstützen und sich zu beteiligen – 2014 zum Beispiel beim KyivPride. Die Ukraine habe in der Region große Strahlkraft. Gelinge dort der Pride, habe das Vorbildfunktion. Russland diene da eher als abschreckendes Beispiel.

Nach den Reden Kultur

Maria Maschenka und Herr P

Maria Maschenka singt Herrn P ein stürmisches Ständchen. Bild: Conrad Breyer

Mit Texten aus Kontaktanzeigen und literarischen Werken setzte Sibylle von Tiedemann ein Zeichen gegen Ignoranz. Denn Homosexualität habe es auch in Russland schon immer gegeben, sagt sie. Die Worte der Betroffenen waren zum Teil sehr berührend.

So suchte 1908 ein 29-jähriger in der Zeitung Stimme der Liebe: „Ich arbeite ehrlich, ein Intelligenter, ich bin 29 Jahre alt, braunhaarig, nicht dumm, keine Missgeburt, gut gebaut, lustig, liebe die Gesellschaft, tanze, aber verliebe mich nicht, das Schicksal lacht unbarmherzig über mich, im Kreis der Gesellschaft und Freunde finde ich für mich keinen wahren Freund und fühle mich einsam.“ 

Und die Poetin Sofija Parnok, die ihre lesbischen Beziehungen offen lebte und auch darüber veröffentlichte, schrieb 1919 über ihre vergangene Liebe: „Jeden Abend bitt ich Gott, dass du mir im Traum erscheinst: Hab dich so geliebt wie keine, bis die Liebe ging hinfort.“ 

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Herr P. findet neue Freunde. Bild: Conrad Breyer

Von den genannten Literaten wissen wir: Sie alle haben das Jahr 1933 nicht oder nicht lange überlebt, ab diesem Jahr wurde in der Sowjetunion männliche Homosexualität kriminalisiert und wurden Lesben mit dem Vorwurf der antisowjetischen Propaganda zu Lagerhaft verurteilt. Erst 1993 mit der Entkriminalisierung homosexueller Handlungen konnte – um mit den Worten Sofija Parnoks zu sprechen – die Liebe ohne Gefahr neu erwachen. Seit Juni 2013 ist diese Phase vorbei. 

Ein Trauerspiel

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Der Höhepunkt: Ballons in die Höhe, eine Botschaft der Liebe. Bild: Conrad Breyer

Froher ging es bei Maria Maschenkas Putin-Ständchen zu, das im Anschluss an die Lesung den Leuten Tanz-Beine machte. „Druschba“ gab die Münchner Sängerin zum Besten, das heißt Freundschaft, und der Improtheater-Star verzauberte das Publikum mit russischem Gesang – ohne wirklich Russisch zu singen. Vor allem aber verführte sie mit ihrem Pianisten Herrn P. und sein Pony mit Stoffherzen und jeder Menge schwungvoller Überzeugungskraft zum Mittanzen. Die Herzen hat sie ihm in den hohlen Kopf gestopft, ob’s hilft?

Die Münchner Künstlerin Naomi Lawrence steckte im heißen Putin-Kostüm und wirbelte mit der Regenbogenfahne wild auf der Bühne herum, als Herr P. schließlich eingewilligt hatte, mit Schwulen und Lesben das Tanzbein zu werfen.

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Beseelt konnte Co-Moderator Thomas Lechner die Massen so zum Küssen anleiten, gleich im Anschluss flogen die Ballons in die Höhe. Ein schönes Bild, die bunten Regenbogen-Ballons vor grauem Himmel. Und küssende Homo-Pärchen für die nächsten Minuten, gar Stunden, eine tatengewordene  Liebesbotschaft nach Russland.

Am Schluss mussten die Ordner nur noch die Papierherzchen aus der Konfetti-Rakete zusammenkehren, so wollte es die Polizei. „Die Herzen dürfen kompostieren“, sagt Naomi Lawrence.  Ein Versuch war es wert. Noch ein bisschen Musik und dann: Gute Nacht, Russland.

 

 

[Das QueerRelations Mediennetzwerk München hat einen wunderbaren Film zum Münchner Kiss-in gedreht – und zwar in einer Lang– wie Kurzversion. Vielen Dank an Wolfgang Fänderl, Stephan Schoeneich, Sibylle von Tiedemann, Olga Heindl und Frank Loleit!]

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