#FundReise Tag 10 – Luftalarm

Sibylle ist zurück aus Odesa. Heute Morgen wurde sie in Kyjiw von Explosionen aufgeschreckt. Die russische Armee hat 40 Raketen auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert. Es war der schwerste Beschuss seit Februar und erstmals hat Sibylle Angst verspürt.

Das ist der Blog von Sibylle von Tiedemann, Mitgründerin von Munich Kyiv Queer. Sie wollte nicht mehr nur zuschauen, was in der Ukraine passiert, und fuhr selbst hin. Vor Ort besucht sie seit einigen Tagen unsere Freund*innen und Partner, sie berichtet und sammelt Spenden.

Strom: kein Strom
Temperatur: keine Heizung
Spendenbarometer: 7528,67 von 18.000 Euro
Besondere Vorkommnisse: Ich bekomme Angst
Alle Blogbeiträge: Sibylles #FundReise nach Kyjiw mitten im Krieg

Ich bekomme hier unglaublich viele wertschätzende Rückmeldungen für meine Reise in die Ukraine. Nicht nur von einer Freundin wie Lena (s.u.), auch auf der Straße, im Supermarkt, in der U-Bahn.

Tourist*innen gibt es zur Zeit keine, nur Presse und Politik schauen vorbei. Dass da jemand, eine Frau noch dazu, aus der Partnerstadt kommt, weil sie Sehnsucht hat, wird äußerst positiv aufgenommen.

Früh wache ich auf, an diesem Freitag, 16. Dezember. Vielleicht auch, weil Conrad, der Unermüdliche, der hier diesen Blog auf die Seite setzt, gestern Andeutungen über Spenden-Eingänge gemacht hat, ohne aber Zahlen zu nennen (Der Schlingel!). Er ist allerdings bei seinen Eltern und hat die Pause verdient.

Hibbelig bin ich aber doch. Diese Spenden sind sicher eine Folge des tollen Artikels über die #FundReise von Ruth Frömmer, der in der Abendzeitung erschienen ist. Ich freue mich, er ist gut geworden, gut geschrieben.

Die WarnApp meldet Luftalarm in der ganzen Ukraine (rote Farbe). Screenshot: Sibylle von Tiedemann

Ich werfe einen Blick in das Magazin der Süddeutschen Zeitung, das jede Woche ein Foto aus der Ukraine bringt. Heute geht es um die Metro-Station Teatralnaja.

Dort wird seit Jahrzehnten regelmäßig  musiziert und ältere Menschen tanzen. Und zwar nach wie vor und nicht nur „vor dem Krieg“, wie der Autor Lars Reichardt schreibt. Das hätte er mal wirklich recherchieren können, denke ich mir. Ich google also seine E-Mail-Adresse, um das richtig zu stellen, werde jedoch nicht fündig.

Mich hat diese Lebensfreude, dieser Wille zum Überleben, berührt und beeindruckt. Ich habe von der Szenerie ein kleines VIDEO gedreht.

Plötzlich schlägt die WarnApp an. Das beunruhigt mich erstmal nicht, denn Luftalarm ist hier häufiger und bis auf die Meldungen in meiner WarnApp habe ich bis jetzt nicht viel davon mitgekriegt. Die Gefahr bleibt abstrakt.

Selbst die Sirenen warnen zu Beginn nur ein paar Minuten. „Da wird man ja sonst verrückt“, wurde mir erklärt. Immerhin können die Angriffe über mehrere Stunden andauern.

Morgens, wenn die Russen angreifen. Video aus unserer Wohnung. Sibylle von Tiedemann

Eine Sirene ist heute nicht zu hören, jedoch ein lautes Knallen und Donnern und das über längere Zeit. Das könnt Ihr hier im VIDEO hören. Das sind nicht unbedingt Einschläge, wie mir mein Gastgeber Edward bestätigt, sondern Geräusche der erfolgreichen Luftabwehr. Ich bekomme Angst. Ich filme. Und poste auf Facebook.

„Gehst du zur U-Bahn?“, frage ich Edward. Die Stationen fungieren als Luftschutzbunker.

„Nein, ich will noch etwas arbeiten, wo wir gerade Internet haben.“

Die Kyjiwer*innen sind wirklich abgebrüht, denke ich.

Ich bin keine Kyjiwerin.

Ich ziehe mich also an. Damit ich nicht im Schlafanzug und Socken in schwierige Situationen komme, ohne mir konkret so eine Situation vorstellen zu können. Irgendwas mit Rauchschwaden und Trümmern zieht assoziativ durch meinen Kopf.

Alle bleiben zuhause. Edward nimmt eine Dusche

Zum Schutzraum in der nächst gelegenen U-Bahn gehe ich dann aber doch nicht. Draußen ist es kalt, nass und rutschig. Es knallt und donnert. Der Bunker ist etwa ein Kilometer entfernt, da muss ich erst mal hinkommen. Hier sind Edward und Kaja. Die Nachbar*innen sind auch zu Hause. So wie eben viele nicht in den Untergrund gehen.

Ich mache mir ein Käsebrot mit Salzgürkchen. Damit ich in der schwierigen Lage, in die ich kommen könnte, nicht so schnell Hunger bekomme. (Und vielleicht ist es auch sicherer, nicht so nah am Fenster zu sein)

„Und jetzt. Gehst du jetzt zur U-Bahn?“, frage ich Edward, als der Strom und damit auch das Internet ausfallen. Arbeiten ist nicht mehr.

„Luftalarm. Gehen Sie zum nächstgelegenen Schutzraum“, steht in der WarnApp. Screenshot: Sibylle von Tiedemann

Edward geht nicht zur Metro, Edward geht unter die Dusche.

Ich mache Kaffee. Vielleicht der vierte. Oder fünfte.

Edward ist fertig mit Duschen. Ich bin fertig mit dem Kaffee. Das Bad ist frei. Duschen will ich aber auf keinen Fall.

Am Schluss stehe ich nackt da, wenn uns eine russische Rakete trifft. Ich bin keine abgebrühte Kyjiwerin

Dann kommt plötzlich kein fließend Wasser mehr, so sehr wir auch am Hahn drehen. Edward frühstückt. Ich mache mir noch einen Kaffee. Wir haben zwar kein Strom, kein Internet und kein fließendes Wasser, aber einen Gasherd.

Abgebrüht werde ich nicht, aber verdrängen kann ich auch nicht mehr

Edward liest. Ich trinke Kaffee. Ich lobe die ukrainische Luftabwehr. Edward spricht über „Close the sky over Ukraine“. Diese Forderung war vor allem in den ersten Kriegswochen sehr präsent, wurde intensiv diskutiert und abgelehnt.

Wenn man mitten im Krieg steckt, wirkt der Dritte Weltkrieg gar nicht mal so furchteinflößend, denke ich.

3 von 40 Raketen, die auf Kyjiw gefeuert wurden, haben die Stadt getroffen.

37 von 40 Raketen, die auf Kyjiw gefeuert wurden, wurden abgewehrt.

Wir haben kein Wasser, keinen Strom und nun auch keine Heizung mehr. Und frisch geduscht ist hier auch nicht jeder. Ich werde nicht so lange bleiben, um abgebrüht zu werden. Aber ich bleibe lang genug, um nicht mehr zu verdrängen.

Heute morgen hatte ich Angst.

Sergej, das war eigentlich die Tasse für Dich, aber die musste ich heute einweihen. Ich kaufe Dir eine neue! Foto: Sibylle von Tiedemann

#FundReise #MunichKyivLove #18000Euro

Sibylle sammelt Spenden für

EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, mit denen wir in den vergangenen zehn Jahren eng zusammengearbeitet haben. Das ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr die Option „Geld an einen Freund senden“ wählt. Kennwort #FundReise. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken. Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Wir kennen sie persönlich und wir vermissen sie schmerzlich.

HILFE FÜR KRIEGSOPFER: KINDER, ALTE UND KRANKE MENSCHEN IN KYJIW UND UMGEBUNG Der Verein „Brücke nach Kiew“ unterstützt hilfsbedürftige Personen, insbesondere Kinder und kinderreiche Familien, finanziell schwache, gering verdienende und/oder auch Tschernobyl-geschädigte Personen in der Ukraine und hier insbesondere in Kyjiw – insbesondere über ein Pat*innen-Programm. Das Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe.

Empfänger: Brücke nach Kiew e.V.
Bank: Raiffeisenbank München Süd eG
IBAN: DE74 7016 9466 0000 0199 50
BIC: GENODEF1M03
Kennwort: #FundReise

Ab 200 Euro kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Mehr Informationen: www.MunichKyivQueer.org/helfen

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