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PrideBlog III – Kleinigkeiten, die das Leben bereichern

23.06.2019 | cb — Keine Kommentare
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Wie jedes Jahr schickt München eine Delegation zum Pride nach Kyjiw, unserer Partnerstadt. Wir marschieren mit, wir machen mit bei der PrideWeek. Und jeden Tag schreiben wir in unserem Blog über unsere Erlebnisse. Heute wieder von Stefan Block

Verdammt, es ist schon 11 Uhr, bis wir aufstehen. Dabei sollen wir um 13 Uhr beim PrideHouse sein – und eigentlich wollen wir laufen. Laufen, um etwas zu sehen von Kyjiw, vom Podil, von all dem, was diese Stadt am Dnjipr zu bieten hat. Etwa das permanent aufgestellte Riesenrad am Kontraktova-Platz oder die alten Straßenbahnen aus Prag, die hier ein zweites Leben führen.

Also geht es im Stechschritt den Andreassteig runter. So schön ist Kyjiw hier. Friedlicher Trödelmarkt in der Sommersonne. Die Hauser verwandeln den kurvigen Weg in ein Wechselspiel von Gelb und Pastel. Aber nein, fokussieren und weiter.

It’s ok to be late

Im Pride-House stellen wir fest, dass wir mit zehn Minuten Verspätung im Mittelfeld liegen. Die Diskussion beginnt um 20 nach erst. Ukrainer sind da sehr pragmatisch.

Es geht um die Ehe für alle, um eingetragene Lebenspartnerschaft, um Adoption und Gütertrennung, die Strategien dahin, die je nach Land sehr unterschiedlich ausfallen können. Das Podium besteht aus einem Israeli, einem Tschechen und – oh Wunder – einem Vertreter der Münchner Szene. Kai Kundrath sitzt da, der Geschäftsführer vom Sub, Teil unserer Delegation in Kyjiw.

Inhaltlich ging es um die Frage, was man wann und wie einfordern sollte und welche Mehrheitsbasis wir in der Gesellschaft, aber auch der Szene dafür brauchen. Denn längst finden nicht alle LGBTI* die Ehe toll – auch bei uns zuhause nicht. Gleiche Rechte für alle oder spezielle Lebenspartnerschaft? In der Ukraine ist mensch sich da gar nicht so einig. Der Rest ist dann lost in translation, irgendwo zwischen Hebräisch, Ukrainisch, Deutsch und Englisch.

Zur anschließenden Buchpräsentation sind wir noch kurz da. Danach nutzt jeder die Zeit für sich. Ich habe endlich die Zeit, mit Leuten in Ruhe zu reden. Entspannung und gute Laune. Dazu ein Stück Torte Napoleon.

Am Nachmittag treffen wir Olena Hanich am Goldenen Tor, die Programmchefin der Gay Alliance Ukraine, eine langjährige Partnerin von uns. Diesmal keine Führung zur LGBTI*-Geschichte von Kyjiw. Es gibt etwas Neues: Die Künstlerin Yulia Bevzenko hat über die ganze Stadt Miniaturskulpturen verteilt, die etwas zur Geschichte der Stadt erzählen.

Errungenschaften eines schwulen Mönchs

So kann man viel über die Stadt lernen. Wer hätte schon gedacht, dass der Hubschrauber in Kyjiw erfunden wurde? Oder, dass der erste Computer überhaupt auf dem europäischen Festland in Kyjiw 1950 die Arbeit aufnahm? Und dass die Kastanie – eines der Symbole von Kyjiw – erst Anfang des 19. Jahrhunderts von einem – wahrscheinlich schwulen – Mönch in die Stadt gebracht wurde?

Daran erinnern viele kleine Bronze-Statuetten in der Stadt, die wir zwei Stunden lang ablaufen. Und jeden Monat kommt eine dazu. Gespendet von Restaurants, Kanzleien oder Bürgern. Auch das ein Ausdruck der Zivilgesellschaft: Die Bewohner der Stadt setzen nun ihre Denkmäler selbst.

Nach der Tour schnell nach Hause – eigentlich lohnt es sich nicht mehr. Schnell mit Deo „duschen“ und los zu Abendessen beim Krimtataren: Musafir. Nettes Restaurant, leckeres Essen – aber: Wir werden von vier unbekannten, dicken Männern am Nachbar-Tisch fotografiert. Warum? Die Aufmerksamkeit geht hoch. Nach dem Essen gehen wir nur in Gruppen heim. Einige biegen noch in eine Bar ab, manche verschwinden gar ins Lift, dem Gay Club – dort ist erst früh morgens Schluss.

Ich gehe direkt nach Hause. Als ich ankomme, ist es kurz vor zwölf. Um 1 Uhr schaue ich nochmal auf die Uhr. Verdammte Hitze. Dann kommt der Schlaf. Morgen der Pride.

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