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KyivPride 2018: Achterbahnfahrt der Gefühle

02.07.2018 | cb — Keine Kommentare
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München auf Besuch in Kyjiw. 25 Menschen reisen 2018 in die Partnerstadt zum CSD. So groß und so bunt war die Truppe der Lesben-, Schwulen-, Bi*-, Trans*- und Inter*-Community au München noch nie. Im PrideBlog berichten wir täglich über unsere Abenteuer. Heute: Der Pride itself! Von: Alexander Nusselt

5.00 Uhr früh wachte ich auf. Ich zitterte am ganzen Körper. Draußen waren Trommeln zu hören, schon die ganze Nacht. Es klang martialisch. Wie kurz vor einem großen Kampf. Die Töne kamen von einem Park in der Nähe, wo die Rechten campierten.

Die Tage vorher war alles noch so entspannt. Wir waren mit einer 25 Frau und Mann starken Delegation von Munich Kyiv Queer angereist und haben uns die Stadt angesehen. Besuche bei der Deutschen Botschaft und Veranstaltungen im von der Polizei geschützten PRIDE House ergaben ein schönes Programm während der PRIDEweek.

Noch am gestrigen Abend waren wir alle miteinander essen, als uns unsere Veranstalter rieten, dass wir nach der Parade in gemischt geschlechtlichen Kleingruppen in Erscheinung treten sollen. Denn nach dem Umzug ist „Safari“. So nennen es die nationalistischen gewaltbereiten Gruppen, die in Hundertschaften im gesamten Stadtgebiet Jagd auf Schwule und Lesben machen.

Der Angst stellen

Ich hatte Angst. Angst davor, dass meinem Mann, meinen Freunden oder mir etwas zustoßen könnte. In meinem Kopf liefen Szenen von verprügelten Personen ab. Dabei würde ich wütend und die Anspannung in mir stieg. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich konnte nicht mehr schlafen und war mir zutiefst unsicher, ob die Teilnahme eine gute Idee ist. Als mein Mann wach wurde, versuchte er mich zu beruhigen: „Wir können immer noch absagen.“

Gegen 7.00 Uhr fasste ich den Beschluss, teilzunehmen. Ich rasierte mir meinen Vollbart weg, um auf Grund der vielen Bilder im SocialMedia nicht mehr erkannt zu werden. Um 8.15 Uhr liefen wir dann zu dritt, mit einigem Abstand untereinander zum vereinbarten Sammelpunkt am Goldenen Tor. Dort trafen wir auf die anderen. Polizei war vor Ort und einige Kleingruppen der Rechten liefen Patrouille.

Auf dem Weg zum Veranstaltungsort, der mit fast 3m hohen Zäunen abgesperrt war, standen überall laute Gegendemonstranten. Mit Trommeln und Megaphonen riefen sie auf ukrainisch: „Schande! Schande! Schande!“ Vor dem Einlass standen überall Nationalisten, die uns anpöbelten, Bilder von uns und unseren Schuhen machten und drohten „Wir werden Dich finden!“

Nach der Sicherheitskontrolle versammelten wir uns, zogen uns um, um jetzt die Farben für Menschenrechte, Gleichheit und Freiheit zu tragen; die Farben des Regenbogens. Wir machten Selfies und sprachen mit anderen Teilnehmern. Immer wieder kamen Fotografen vorbei, filmten uns, machten Bilder und niemand konnte sagen, auf welcher Seite diese Person steht.

Die Parade selbst lief friedlich. Geschützt von 5.000 Beamten der Polizei und Nationalgarde wurde sie nur ein paarmal gestört. Die Polizei zog die Blockierer gleich aus dem Weg, damit es weiterging. Es waren kaum Zaungäste dabei und die wenigen, die von ihren Balkons oder Fenster zuschauten, zeigte entweder keine Miene oder den Daumen nach unten.

Alle Emotionen gleichzeitig

Neben den lauten Gegendemonstranten standen auch einige Anwohner auf dem Balkon oder am Fenster. Viele schauten mit grimmiger Miene oder zeigten mit dem Daumen nach unten.

Ziemlich am Ende der Parade, stand eine Oma am Fenster und winkte uns zu. Es berührte mich und viele um mich herum. Vielen stand das Wasser in den Augen und die Menge jubelte ihr zu. Wie viel ein wenig Wertschätzung doch ausmacht.

Dann war die Parade am Ende. Wir wurden aufgefordert, alles, was uns als LGBTI identifiziert, abzulegen. Auf dem Weg in die U-Bahn streifte ich meine Jeans ab, um nur noch mit kurzen Hosen gesehen zu werden. Auch das Oberteil wechselte ich und legte Mütze und Sonnenbrille ab.

Schnell aus der Stadt

Ein Sonderzug brachte uns mehrere Stationen aus dem Stadtzentrum. Wir bildeten kleine Gruppen, hielten Händchen als Mann und Frau, um nicht mehr aufzufallen. Dann ging es zurück in die Stadt. Einige blieben weiter außen, andere absolvierten ein touristisches Programm. Meine neue „Frau“ und ich gingen erstmal in unsere Wohnung, da ich dringen meine Schuhe wechseln wollte, sollte sie doch jemand von den gemachten Bildern erkennen.

Wir gingen essen, saßen in einem Restaurant auf der Terrasse und beobachteten das Treiben. Die Polizisten, suspekte Gestalten die scheinbar auf der Suche waren, kleine Truppen von Nationalisten, die grölend Angst verbreiten wollten. Doch wir waren unauffällige Touristen. Als ich die Nachricht von meinem Mann bekam, dass mit ihm alles gut ist, war ich schon erheblich erleichtert. Wir trafen uns ein paar Stunden später und auch beim Umherlaufen in der Stadt spürten wir nach wie vor die Anspannung in uns. „Wer steht wohl auf welcher Seite?“

Am Montag reiste der Großteil von uns ab. Ich spürte, wie erleichtert ich war, als wir am Flughafen waren. Wir waren froh und auch ein wenig stolz, dass wir uns unserer Angst gestellt haben. Ein gutes Gefühl und vor allem das Feedback der Community in der Ukraine für die Unterstützung aus dem europäischen Ausland taten uns gut. Wir waren gerne gekommen und ich kann mir gut vorstellen, wieder dabei zu sein.

Dankbar und nachdenklich

In den meisten westlichen Ländern ist es erheblich einfacher, für eine Sache zu „kämpfen“. Doch dort, wo Menschenrechte teilweise mit Füßen getreten werden, da kann es noch einen großen Unterschied machen.

Ich bin dankbar für die Erfahrung, meine eigenen Gefühle in einer Tiefe zu spüren, wie ich es noch nicht kannte. Dankbar für Munich Kyiv Queer, die mit viel Mut und Herz zeigen, wie Solidarität aussehen kann. Und dankbar, für das, was die Generationen vor uns in unseren Ländern schon erreicht haben, und wir davon profitieren.

Nachdenklich bin ich bei der Frage: „Wofür gehen wir bei uns auf die Straße?““ Und mein Wunsch ist es, dass wir für alle Menschen eintreten und für ein Miteinander stehen, das alle Menschen einschließt, völlig unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, damit sich alle gehört fühlen.

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