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Ukrainische Volunteers: „München inspiriert uns sehr!“

09.05.2018 | cb — Keine Kommentare
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Vier Frauen, drei Männer. Jedes Jahr kommen aus der Ukraine LSBTI-Aktivist*innen nach München. Sie wollen sehen, wie die Community der Landeshauptstadt mit Ehrenamtlichen arbeitet. Weil das zuhause fast niemand macht.

Iryna kann ihr Glück kaum fassen. Das mit der Homo-Pille will sie zuhause unbedingt auch ausprobieren. Also nicht schlucken „and be gay for a day“, wie es die Safety-Aktionsgruppe S’AG von Sub und Münchner Aids-Hilfe mit ihrer Sampling-Aktion suggeriert. „Ich bin ja schon lesbisch“, sagt sie und lacht. Aber vielleicht als Aufkleber: „Hier drücken, wenn Du Homo werden willst.“ Der Sticker könnte die Menschen in ihrer Heimatstadt Odesa zum Nachdenken bringen.

Vitalina mag die Idee. „In München haben sie damit viele Kampagnen gefahren.“ Und Ehrenamtliche haben die Aufkleber, Poster und Flyer in der Szene verteilt. Sicher habe das eine ganze Menge Vorurteile abgebaut. Vitalina wünscht sich, dass es in der Ukraine irgendwann einmal als ganz normal empfunden wird, wenn sich zwei Frauen oder Männer in der Öffentlichkeit im Arm halten und küssen. Sie hat das in München ganz oft gesehen.

Iryna und Vitalina sind zwei von sieben Gästen aus der Ukraine, die diesen April nach München gereist sind, um eine ganze Woche lang mitverfolgen zu können, wie die hiesige Lesben- und Schwulen-, auch die Bi*-, Trans*- und Inter*-, kurz LSBTI-Szene mit Ehrenamtlichen umgeht. So sitzen sie jetzt alle heute hier im Sub – ihr Aufenthalt neigt sich dem Ende zu – und erzählen: Iryna, 21, kommt aus Odesa, Vitalina, 28, aus Uschhorod im Westen der Ukraine. Iryna ist Kindergärtnerin, verbringt aber viel Zeit mit ihrer Fotokunst. Vitalina betreut Straßenprostituierte.

Beide Frauen haben sich schon immer für die Belange sexueller Minderheiten engagiert, zum Beispiel in den Queer Homes. Das sind Communit-Zentren, wie sie die Gay Alliance Ukraine noch bis letztes Jahr betrieben hat. Dann lief die Förderung aus. Vitalina und Iryna verstehen sich als Menschenrechtsaktivistinnen und sind damit eine Minderheit. Denn in der Ukraine – die wirtschaftliche Not erklärt warum – haben die wenigsten jungen Leute Muße für ein Freiwilligenamt. Sie kämpfen ums Überleben. „Aber wer, wenn nicht wir, sollte sich für eine Verbesserung der Umstände einsetzen?“, fragt Vitalina.

In München tragen Ehrenamtliche den Hauptteil der Szene-Aktivitäten; sie machen das Leben im Viertel bunt und reich. Das Projekt „Ehrenamt in der Community“, das der CSD München über das Kulturreferat der Stadt München finanziert und die Initiative Munich Kyiv Queer mit der NGO Gay Alliance Ukraine organisiert, hat es in der Ukraine zu einiger Berühmtheit gebracht. Um die Teilnahme an der Workshop-Woche bewerben sich jedes Jahr deutlich mehr Leute als Plätze vorhanden sind. 2018 hat Uwe Hagenberg, Sprecher von Munich Kyiv Queer und von Beruf Sozialpädagoge, die Veranstaltung schon in vierter Auflage angeboten. Und jedes Mal mit einem nachhaltigen Effekt.

Sascha leidet unter einer infantilen Zerebralparese, einer frühkindlichen Hirnschädigung. Er kommt wie Vitalina aus Uschhorod, ist 35 Jahre alt und schwul. Sascha kann sich nicht einwandfrei bewegen und auch das Sprechen fällt ihm schwer. Sein Coming-out verlief einigermaßen unkompliziert, er ist früh von zuhause weggegangen. Der junge Mann arbeitet in einer Organisation, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung stark macht. Ein wichtiges Thema, denn in der Ukraine ist das bis heute ein großes Tabu und Inklusion vielerorts ein Fremdwort. Sascha mag seinen Job, er fühlt sich wohl mit seinem Leben. Sorgen machen ihm eher die anderen schwulen Männer mit Handicap. Sie will er zusammenbringen, deshalb ist er nach München gekommen. Er will mal schauen, wie sie das machen hier mit der Mobilisierung Freiwilliger, wie man sie motiviert.

Auch Borys, 38, hat sich aus diesem Grund für München beworben. Nachdem die Gay Alliance Ukraine auch das Queer Home in seiner Heimatstadt schließen musste, hat er kurzerhand selbst einen Raum in Krywyj Rih angemietet und seinen eigenen Laden aufgemacht. Sein Freund Vladik – Borys nennt ihn „seinen Mann“ – hilft ihm dabei. Borys bringt dafür im Jahr umgerechnet 1200 Euro auf. Nicht einfach, auch wenn der IT-Manager sicher gar nicht so schlecht verdient. Der ganze Aufwand strengt ihn an und er sucht Unterstützung. Doch sind viele, gerade ehrenamtlich tätige Aktivist*innen in der Ukraine ausgebrannt, weil sie nicht unmittelbar ein Ergebnis ihres Tuns sehen. Er fragt sich: „Wie geben wir unseren Leuten eine Aufgabe? Es muss etwas sein, mit dem sie sich selbst verwirklichen können.“

Borys selbst hat da schon etwas für sich gefunden. Er macht seit Jahren in Drag. Alle kennen Brungilda Golden: Sie gibt Shows, tritt im Fernsehen auf und ist in der Szene beliebt. 2017 war sie eine der ersten Drag Queens auf dem KyivPride. Borys‘ Alter Ego hilft ihm, Distanz zu wahren, wenn es das Leben mal nicht gut mit ihm meint. Neulich stürmten Nazis das Büro des Queer Home und schlugen um sich, auch Borys hat es erwischt. ‚Sieg heil‘ haben sie geschrien und  ‚Tod den Päderasten‘! Die Polizei konnte die Täter bisher nicht fassen. Borys hat in den Tagen darauf viel Hilfe bekommen. Ein Taxifahrer sagte ihm: „Die anderen sind die Päderasten!“ Und seine Mutter steht sowieso auf seiner Seite. Sie hat in ihrem Schlafzimmer auf der Kommode Bilder ihrer Söhne stehen. Eines zeigt Borys‘ Bruder, das andere Brungilda Golden. „Es ist sein Leben“, sagt sie. Borys will lernen, mit den Verletzungen umzugehen und weitermachen. Nicht alle haben diese Kraft.

Lesben, Schwule, Bi*, Trans* und Inter* haben es in der Ukraine nicht leicht. Übergriffe gehören zum Alltag, wie die Geschichte von Borys zeigt. Wer allzu sichtbar ist, muss damit rechnen, zum Hassobjekt radikaler Minderheiten zu werden. Das bringt die Öffnung des Landes mit sich. Seit dem EuroMaidan 2014 wendet sich das Land der EU zu. Das hat Folgen für die Minderheitenpolitik der Regierung, die einen umfassenden Antidiskriminierungsschutz verabschiedet und sich einem Aktionsplan für Menschenrechte verschrieben hat, der bis 2020 sogar die Einführung von Lebenspartnerschaften vorsieht.

Auch wenn das bislang nur ein Plan ist: Immerhin hat das veränderte politische Klima der LSBTI-Community Möglichkeiten erschlossen, sich zu zeigen und für ihre Forderungen einzutreten mit ihren Festivals, Flashmobs und nicht zuletzt den Prides in Odesa und Kyjiw, die jedes Jahr größer werden. Die Einstellung der meisten Leute hat das verändert. Die Menschen begreifen, dass es keine Wahl ist, lesbisch, schwul, bi*, trans* oder inter* zu sein. Und dass diese Leute auch nicht anders sind als sie selbst. Es kostet die Aktivist*innen im Land viel Mut, den Wandel zu gestalten. Denn nicht die gesamte Bevölkerung trägt ihn mit. Immer wieder gibt es Opfer.

München mit seinem Volunteers-Projekt will die Arbeit dieser politisch Aktiven unterstützen: In München sollen sie zur Ruhe kommen, aber auch begreifen, dass man mit Ehrenamtlichen eine Menge auf die Beine stellen kann. „Das reicht vom Thekendienst im Sub bis zur großen Gesellschaftspolitik“, sagt Uwe, der die Gäste immer gerne durch die Woche führt. Er kennt die Münchner Szene wie kein zweiter, war lange Vorstand im Münchner Schwulenzentrum. Seine sieben Ukrainer*innen machte er bekannt mit dem Sub, mit LeTRa, den HikeDykes, dem Jugendzentrum Diversity, den Beratungsstellen für Inter*- und Trans*personen, um nur einige Stationen zu nennen. Die Deutsche Eiche und das Nil freilich haben sie auch besucht – die hatten nämlich dankenswerterweise das Abendessen spendiert.

„München inspiriert uns sehr“, sagt Vitalina. Sie hätte ja erwartet, dass die Deutschen sie recht distanziert empfangen. So gehe das Klischee in der Ukraine, pünktlich, organisiert, humorlos. Dann aber hat sie diese Willkommenskultur erlebt. Ihr Gastgeber, die Leute aus der Münchner Community und nicht zuletzt Uwe waren so warmherzig – damit hatte sie nicht gerechnet. Und auch nicht damit, dass sie für Zuhause so viel mitnehmen würde. Denn wie all die anderen hier, die schonmal in der Szene oder in einem Queer Home für irgendwas Verantwortung getragen haben, will auch sie ohne Infrastruktur unbedingt auf eigene Faust weitermachen. Das geschlossene Queer Home hat als Institution viele Leute vom Ehrenamt überzeugt; man muss sie jetzt bei der Stange halten.

Olha (sprich Olga), 33, und Yuliya, 32, sind seit Kurzem ein Paar. Olha lebt in Saporischschja, Yuliya in Charkiw. Es ist ein Experiment für beide. „Wir versuchen, die Distanz auszuhalten“, sagen sie. Zum Glück akzeptieren ihre Familien, dass sie Frauen lieben. „Als ich 17 war, sagte meine Mutter: ‚Gut, probier‘ alles aus.‘ Als ich 19 war, meinte sie, ich sei noch zu jung, um zu wissen, was ich will. Mit 21 dann ist sie schweigsam geworden“, erzählt Yuliya und lacht. Immerhin wollen sowohl Yuliyas als auch Olhas Mutter die Freundin ihrer Tochter nun kennenlernen. „Das ist ein Durchbruch“, sagt Olha. Beide Frauen haben ehrenamtlich bereits für die Gay Alliance Ukraine am Ort gearbeitet. „Man kann damit so viel erreichen“, sagt Olha. Das sehe sie in München, „leider liegt bei uns den Leuten nichts am Gemeinwohl“. Nach der Woche hier weiß sie, was sie machen muss. „Ich kann ihnen sagen, wie eine Gesellschaft aussehen kann, wenn man selbst die Initiative ergreift.“ Sie fühle sich in München als Frau zum Beispiel total sicher, kann alleine draußen auf der Straße eine rauchen. Zuhause würde sie sich das nicht trauen.

Auch Denys reist hochmotiviert nach Winnyzja zurück. Der Sozialarbeiter ist 24 Jahre alt und hat ein schwieriges Coming-out hinter sich. Die Mutter steht zu ihm, sein Vater indes hat Probleme mit Denys‘ Homosexualität. Jedesmal wenn der Sohn nach Hause kommt, zieht sich der Vater zurück. Die Mutter wirkt wie zerrrissen zwischen den beiden Männern. Als er das erzählt, weint Denys. Doch er weiß, dass sein Weg der richtige ist. Er war glücklich in München, hat gesehen, was geht, als er mit den Helfern der S’AG im Nil Kondome verteilt und Bier getrunken hat. In seiner Heimatstadt möchte er auch so ein Café aufmachen oder zumindest einen Ort für Kultur und Begegnung schaffen, wie das Sub einer ist. Denys ist voller Tatendrang; er hat aufgetankt in München.

„Sie waren eine großartige Gruppe“, sagt Uwe. Die sieben haben ihn sehr berührt und mit ihm auch über gemeinsame Projekte für die Zukunft nachgedacht. Deshalb glaubt er, werden sie noch viel miteinander zu tun haben. Er kann sich vorstellen, in der Münchner Community für Patenschaften zu werben, damit die Gay Alliance Ukraine den Betrieb ihrer Queer Homes wieder aufnehmen kann. „Für das Ehrenamt war das so sinnvoll“, sagt Uwe. Genug Aufgaben also für alle, aber keine, die erschöpfen, sondern anregen. Die Woche in München, sagen Uwes Gäste, sei wie Medizin für sie gewesen. Für Iryna, Vitalina, Sascha, Borys, Olha, Yulyia und Denys. Ein bisschen wie die Homo-Pille der S’AG. Nach dem Motto: „Be gay for a day – but stay!“

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