„Der Krieg hat mich dem Tod gegenüber gleichgültig gemacht“

Diana kann sich noch gut an den 24. Februar 2022 erinnern, weil sie schlicht nicht mitbekommen hat, wie der Krieg in ihr Land kam. Sie arbeitet in einer Kyjiwer Apotheke und versuchte an dem Tag der Kundschaft Herr zu werden, die ohne Unterlass Verbandsmaterial, Jod und Erste-Hilfe-Kästen kaufte. Erst nach ihrer Schicht begriff sie: Es ist Krieg. Seitdem ist Diana im Überlebensmodus. Sie bleibt, sie arbeitet, sie kämpft, aber sie spürt sich nicht mehr. Unsere Kolumnistin Iryna Hanenkova hat ihre Geschichte aufgeschrieben.

Der erste Tag der russischen Invasion begann für mich wie immer: Ich wachte auf, machte mich für die Arbeit fertig (ich arbeite in einer Apotheke), fuhr in die Stadt, öffnete den Laden und wartete auf Kund*innen. Bis zehn kommen normalerweise so gut wie keine Leute. Ich hatte damals keine Chat-Gruppen auf dem Handy; und Nachrichten habe ich nicht gelesen.

24. Februar, 8 Uhr – alle sind verrückt geworden

Ich stehe also hinter der Theke, und schon um acht kommen plötzlich Kund:innen rein. Das war natürlich seltsam, und ich dachte: Da haben sich wohl ein paar Leute auf dem Weg zur Arbeit hierher verirrt. Plötzlich verliere ich das Zeitgefühl, denn draußen stehen die Leute Schlange, und alle kaufen Verbände, Jod, klauen Erste-Hilfe-Kästen, und ich verstehe nicht warum. Gegen Mittag reicht die Schlange bereits über die Straße, die Apotheke war zu einem Drittel leergeräumt.

Klar haben meine Familie und Freund*innen versucht, mich anzurufen, aber ich konnte nicht antworten, weil ich hin- und herrannte, Bestellungen aufnahm und nicht verstand, warum plötzlich alle verrückt geworden waren.

Gegen fünf Uhr abends kam ein Mann, ganz ruhig war der, im Gegensatz zu all den anderen und er sagte: ‚Stopp, atme mal durch, du rennst so viel herum, dass du ohnmächtig wirst.‘ Ich hörte auf ihn, die Schlange wurde ohnehin etwas kürzer. Ich konnte eine Pause gebrauchen, denn ich hatte noch nicht einmal gefrühstückt oder Wasser getrunken, geschweige denn zu Mittag gegessen.

Ich fragte ihn, warum denn so viele Leute in die Apotheke kamen, und er sagte : ‚Der Krieg hat begonnen‘. Ich verstand seine Worte nicht. Es war doch ein ganz normaler Tag. Am Ende meiner Schicht war die Apotheke weniger als ein Viertel voll, ich konnte Wasser trinken und einen Snack essen.

Allmählich begriff ich…

Dann habe ich endlich den Anruf meines besten Freundes entgegengenommen:

  • Wo bist du? Warum hast du nicht geantwortet?
  • Ich bin bei der Arbeit. Stell dir vor, so viele Leute, und einer sagt: Der Krieg hat begonnen!
  • Die Russen haben angegriffen, lass uns gehen, ich lasse dich nicht hier!

Er meinte es ernst.

  • Wohin gehst du denn? Ich gehe nirgendwohin, ich habe hier einen Job und Eltern.
  • Du kommst mit mir, ich will nicht ohne dich gehen, ich kann dich nicht hier lassen, wir wissen nicht, was passieren wird, Kyjiw wird bombardiert, Panzer rücken in Kolonnen an!
  • Ich werde nicht gehen. Mach dich fertig, pass auf dich auf

Danach beendete ich meinen Nachmittag, las die Nachrichten. Allmählich begriff ich…

Dann griffen sie meine Heimatstadt Lwiw an

Die folgenden Tage verliefen wie immer: nach Hause, zur Arbeit, nach Hause. Aber das volle Bewusstsein kam, als ich von den ersten Explosionen in Lwiw hörte. Dort bin ich aufgewachsen. Das war der Moment, in dem der Krieg für mich real wurde.

Ich hatte damals keine Angst. Ich habe heute noch keine Angst. Mein Gehirn hat beschlossen, ein Kind zu wecken, das an allem interessiert ist, und nicht einen Erwachsenen, der Angst hat, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben.

Wenn ich Schaheds in der Nähe meines Hauses fliegen sehe, betrachte ich sie wie Idioten auf Motorrädern, die zum Spaß raus in die Sperrstunde fahren. Wenn ich Explosionen höre, bleibe ich ruhig. Aber ich mache mir Sorgen um meine Eltern und Freund*innen, deshalb bringe ich sie im Falle des Falles in den Schutzraum. Ich selbst gehe nicht hin. Ich warte, bis ich etwas höre, um mich noch mehr zu beruhigen. Ich glaube, es ist schon ein Trauma.

Mir tun alle leid, die für unsere Freiheit sterben, aber der Krieg hat mich dem Tod gegenüber gleichgültig gemacht. Vielleicht wirkt die Trennung von meiner Ex noch nach, ich fühlte mich allein gelassen.

Ich wünschte, ich könnte die Rakete sehen

Es ist schade, dass sie gestorben sind, aber es ist Krieg, es ist normal, es ist wahrscheinlich normal. Es ist traurig, aber ich spüre keine Verzweiflung. Es tut weh, aber ich habe keine Tränen. Wenn ich plötzlich unter Beschuss geriete, würde ich meinen eigenen Tod gelassen hinnehmen. Es ist schwer, über den Tod nachzudenken, wenn über deinem Kopf eine Flugabwehrrakete explodiert. Man denkt nicht darüber nach, wo der nächste Schutzraum ist, sondern man denkt: ‚Ich wünschte, ich könnte ein Stück der Rakete sehen‘.

Es muss Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen wie mich geben. Der Krieg hat alle verändert, und wir leiden jetzt alle gleichermaßen, auch wenn wir es nicht alle zeigen.

Nichts wird mehr so sein wie es war

Von Zeit zu Zeit überkommen mich dann doch Verzweiflung und Angst, und der Schmerz in meiner Brust breitet sich in meinen ganzen Körper aus. Solche Momente sind unerträglich.

Es schmerzt mich für unser Land und unser Volk, es schmerzt wegen der Verkommenheit der Welt um uns herum. Irgendwo tief in meiner Seele hoffe ich, dass wir gewinnen und das Sterben aufhört, aber irgendetwas sagt mir, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, ganz gleich, wie dieser Krieg ausgeht.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Krieg und kein Ende. Munich Kyiv Queer sammelt deshalb weiter Geschichten von LGBTIQ* in der Ukraine. Wir fragen uns: Wie lebt Ihr mit diesem Krieg? Wie lebt Ihr in diesem Krieg? Wir wollen das Bewusstsein für das Schicksal queerer Menschen schärfen und um Spenden werben. Dies ist die Geschichte von Oleksandra.

Zwei Monate hat Oleksandra noch in Mariupol ausgeharrt, als die Stadt am Asowschen Meer von der russischen Armee bereits besetzt war. Dann hat sie es wie durch ein Wunder geschafft, aus Mariupol rauszukommen. Ihr Haus dort wurde vollständig zerstört. Nur wenigen ist die Flucht gelungen.

Mit ihrer Freundin ist Oleksandra Richtung Westen aufgebrochen. Heute leben sie in Ivano-Frankivsk. Das ist gut, auch einen Job hat sie gefunden. Allerdings deckt das Gehalt, das sie dort bekommt, gerade einmal die Miete ab. Und irgendwie seien sie beide nicht unterprivilegiert genug, um Mittel für Lebensmittel, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung zu bekommen. Da sei „You are not alone“ für die beiden tatsächlich die einzige Hilfe gewesen, für die sie sehr dankbar sind. Oleksandra und ihre Freundin hoffen, dass die LGBTIQ*-Community in der Ukraine weiterhin von uns unterstützt wird. VIDEO

„You are not alone“ wird vom Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mit finanziert, dem auch Munich Kyiv Queer angehört. Es sind Eure Spenden, die hier etwas bewirken.

Danke an alle Mitwirkenden!

Vielen Dank auch an Oleksandra Semenova, die uns bei diesem Videoprojekt geholfen hat. Danke an Matt und Stas für die Untertitel. Und Danke an Nikita für die ukrainische Übersetzung.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschand an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort wie „You are not alone“, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen wie im Falle von Oleksandra. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Pawel wurde eingezogen, noch bevor Russland seinen vollumfänglichen Krieg lostrat. Als der erste Schuss fiel, war Pawel dann bereits im Schützengraben. Seitdem kämpft er. Für ihn als schwulen Mann ist das doppelt schwer: Da ist die Angst vor dem Feind, die Panik vor dem Outing und die ständige Sorge um seinen Freund, der ebenfalls dient. Wie Pawels Kamerad:innen mit seiner sexuellen Orientierung umgehen, hat unsere Kolumnistin Iryna Hanenkova für uns protokolliert. Soviel sei vorweggenommen: Leicht hat es Pawel nicht.

Mein Name ist Pasha, ich bin 22 Jahre alt. Ich bin beim Militär, als Flugabwehrkanonier, und ich bin schwul.

Mein Dienst begann mit der Einberufung zum Wehrdienst. Als Russland seinen Krieg gegen die Ukraine entfesselte, wurden wir automatisch eingezogen. In der Armee wusste erst niemand etwas über mich, bis mich die Kamerad*innen beim Chatten erwischt haben. Der Chat war ziemlich eindeutig ;).

Nach und nach wussten alle Bescheid. Die Leute lästerten, manchmal bezog ich Prügel.

Niemand hatte an einen Krieg geglaubt

Als der Krieg losging, war das für mich schwierig. Ich war noch nie im Krieg und ich war auch nicht dafür ausgebildet.

Wir hatten nicht so recht daran geglaubt, dass es tatsächlich Krieg geben könnte. Man sagte uns, wir sollten gehen, also gingen wir, gruben Gräben und warteten einfach ab. Als dann der Beschuss kam, bekam ich wirklich Angst. Unsere Kommandanten haben es mit Witzen versucht, damit wir nicht in Panik gerieten.

Was meine Orientierung anging, war das vielen Leuten egal. Wir hatten eine Aufgabe, und die erfüllten wir. Wenn es ruhiger war, brachten die Jungs manchmal das Thema auf. Blödes Zeug, Witze, ohne etwas davon zu verstehen.

Manchmal hat es mich verletzt, manchmal haben wir gestritten. Aber im Allgemeinen bereitetet mir meine sexuelle Orientierung keine großen Schwierigkeiten. Die meisten Jungs akzeptieren die Tatsache, dass ich schwul bin.

Auch Freund Vlad kämpft an der Front

Was meinen Freund angeht: Eine Fernbeziehung zu führen, ist wirklich sehr schwierig, vor allem im Krieg. Als Vladyslav und ich zusammenkamen, war er noch ein Zivilist. Wir haben uns dann entschieden, dass auch er zum Militär gehen sollte. Er dient in der Region Volyn.

Anfangs war alles so romantisch. Als ich in Mykolajiw war, habe ich Vladyslav kennengelernt. Wir schrieben uns eine Woche lang SMS und riefen einander an. Danach kam er zu mir, und wir beschlossen, zu daten. Das ist lange her.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Lera, eine junge trans* Person aus der Ukraine, musste erleben, wie Russland ihre Heimatstadt Oleshki bei Cherson angriff. Das war vor einem Jahr. Seitdem teilt sie ihr Leben in ein „Vor dem Krieg“ und „Nach dem Krieg“. Heute lebt sie in Berlin. Das ist Leras Geschichte.

Vor dem Krieg führte ich ein einfaches Leben. Ich arbeitete, traf mich manchmal mit Freund*innen in Kyjiw und genoss die kleinen Freuden des Alltags. Ich komme aus der Stadt Oleshki, das ist am linken Ufer der Region Cherson, das kurz nach dem Krieg von Russland besetzt wurde und es bis heute ist.

In der Nacht zum 24. Februar änderte sich das alles auf einen Schlag. Ein Telefonanruf von Bekannten, die in der Nähe der Grenze zur Krim wohnen, riss mich aus dem Schlaf: „Es ist Krieg!“, sagten sie. Es schien surreal und dennoch begann ich sofort, eine Notfalltasche zu packen.

Bis zum Sommer versteckte ich mich zuhause

Die Kämpfe begannen nur wenige Kilometer von meinem Haus entfernt. Gegen 12 Uhr mittags hörte ich sie auf der Antoniwka-Brücke. Das ganze Haus bebte: Ich wusste nicht, zu welchen Göttern ich beten sollte, damit das alles aufhört. Ich fühlte mich, als ob die Welt im Chaos versinken würde. Das tat sie in gewisser Weise auch.

In den Tagen der Apokalypse versuchte ich mein Bestes, um anderen zu helfen. Ich backte Brot, verteilt es, kochte Essen und teilte es. Meine Ofenheizung ermöglichte mir wenigstens das. Doch traute ich mich kaum, das Haus zu verlassen.

Als sich die Lage im Sommer etwas beruhigt hatte, wagte ich mich nach draußen. Doch war die Gefahr nicht vorbei: Ich bin vier Mal auf Orks (russische Soldaten; Anm. d. Red.) gestoßen. Zwei davon belästigten mich und zwangen mich fast in ein Auto. Einmal haben sie mich verprügelt, weil jemand in meiner Stadt sagte, ich sei trans*. Sie schlugen mir mit einem Gewehrkolben einen Zahn aus.

Sie nahmen uns das letzte Essen

Danach bin ich nur noch mit dem Fahrrad raus. Oder ich ging gar nicht mehr aus dem Haus. Eines Tages kamen sie mit einem automatischen Gewehr und verlangten, dass ich ihnen Wasser gebe. Einer von ihnen rief einem Kameraden zu, dass ich ein Mädchen sei und steckte das Gewehr weg. Ich wurde vor Schreck ohnmächtig. Meine Mutter kam heraus und gab ihnen alles, was sie verlangten. Sie nahmen das letzte Essen und das ganze Wasser.

Dann kam der Tag, an dem die Freaks den Damm sprengten. Ich hoffte, das Wasser würde uns nicht erreichen, aber es war schon am nächsten Tag da. Ich fürchtete um unser Haus, die ganze Gegend. Das Wasser stieg schnell, über Nacht stand es mir bis zur Brust, auf etwa 1,40 Meter.

Die Soldaten zeigten wenig Interesse daran, diejenigen zu retten, die keinen russischen Pass hatten. Die örtliche Bevölkerung tat mehr, um den Opfern zu helfen als die russischen Soldaten selbst.

Insha half mir mit Geld zur Flucht

Dann wandte ich mich an die LGBTIQ*-Organisation „Insha“ und bat um Hilfe: Sie gaben mir Geld für die Flucht. Wir flohen über die Krim, wurden am Kontrollpunkt in Armjansk sieben Stunden lang ohne Wasser und Essen in der Hitze festgehalten. Sie haben uns befragt und gezwungen, Papiere zu unterschreiben, dass wir die „Spezialoperation“ Russlands unterstützen, also den Krieg, aber das stimmt nicht. Wir hatten keine andere Wahl, nur mit Mühe kamen wir über die Grenze.

Ich ging nach Simferopol, bezog mit meiner Mutter ein Wohnheim. Es war sehr beängstigend, auch nur zu telefonieren. Sie hätten ja alles abhören können.

Wir zogen weiter nach Woronesch, dort waren wir ein paar Tage. Gerade an dem Tag, als wir weiterreisen mussten, marschierte Prigoschin auf Moskau. Gott sei Dank erreichten wir irgendwann die lettische Grenze.

Dort wurden wir wieder für zehn Stunden festgehalten, und sogar gezwungen, uns auszuziehen. Die Russen wollten meine Tätowierungen sehen. Ich musste meinen Bauch rausstrecken, damit sie meine Brüste nicht gleich bemerkten. Ich hatte schon Angst, der Bus würde ohne mich fahren.

Aber dann drückten sie mir einen Stempel in den Pass und ich überquerte mit Tränen in den Augen die Grenze. Die erste Nacht verbrachten meine Mutter und ich in Daugavpils. Die Reise war sehr hart. Dann ging es nach Estland und weiter nach Berlin.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer Menschen in der Ukraine, die Hilfe brauchen und nicht an queere Organisationen angebunden sind. Das ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr die Option „Geld an Familie & Freunde senden“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschand an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort wie „Insha“, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen wie im Falle von Lera. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Emin stammt ursprünglich aus Aserbaidschan. Vor Jahren kam er in die Ukraine, um zu arbeiten. Nach einem schwierigen Coming-out hat er hier die Liebe seines Lebens gefunden, Vlad. Und er hat Menschen kennengelernt, die ihn so akzeptieren, wie er ist. Niemals würde Emin aus dem Land fliehen – obwohl er könnte. Ein Portrait von Evgen Lesnoy.

Wer glaubt, dass in der Ukraine nur Ukrainer*innen leben, täuscht sich. Anders als es uns die russische Propaganda glauben lassen will, gibt es in unserem Land keine Zwangs-Ukrainisierung. Selbst Russisch sprechen im zweiten Jahr des Krieges selbstverständlich noch immer viele Menschen in den östlichen und südlichen Teilen der Nation.

In der Ukraine leben viele Menschen, die hierher kamen, um zu arbeiten. Sie stammen aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Und obwohl viele von ihnen keine ukrainischen Staatsbürger*innen sind, ist die Ukraine ihr Heimatland. Trotz des Krieges sind viele von ihnen geblieben, wie Emin.

Vlad und Emin. Foto: privat

Als Emin kennen ihn all seine Verwandten. Er ist 42 Jahre alt und Bürger Aserbaidschans. Allerdings lebt Emin nun schon seit über 15 Jahren in der Ukraine, in Kyjiw, um genau zu sein, den Außenbezirken der Hauptstadt.

Emin hatte sein Coming-out in der Ukraine. Er hat davor in der alten Heimat, auch in Moskau, wo er vor langer Zeit gewohnt hat, immer wieder versucht, sein Homosexualität zu unterdrücken. Aber man kann eben nicht gegen seine Natur leben.

Vald und Emin lernen sich beim Haareschneiden kennen

In der Ukraine hat er seine große Liebe gefunden. Vladik lernte er kennen, als der zum Haareschneiden kam. Denn Emin ist Friseur, obwohl er ganz früher mal Koch gelernt hat.

Seine Erfahrung in der Küche kam ihm in den ersten Monaten des Krieges zugute. Aber dazu gleich mehr.

Sie haben alle auf den Krieg gewartet. Keiner wollte glauben, dass er wirklich kommt, aber alle haben darauf gewartet. Emin und Vlad hatten, wie viele andere auch, ihre Koffer gepackt; sie standen im Flur.

Aber weder Vlad noch Emin machten dann von ihnen Gebrauch. Vom ersten Tag an, als die russischen Panzer auf Kyjiw zurollten, nur 15 Kilometer entfernt, beschloss das schwule Paar: Das ist unser Zuhause. Hier wollen wir bleiben.

Für das ganze Hause fing Emin plötzlich an Fladenbrot zu backen, wie er es von seiner Mutter gelernt hatte

In jenen Tagen organisierte der Wohnkomplex, in dem die beiden leben, seine eigene Territorialverteidigung. Waffen hatten sie zwar nicht, aber es war wichtig, Plünderer und Saboteure fernzuhalten. Vlad kommunizierte ständig mit verschiedenen ausländischen Medien, denn er spricht fließend Arabisch, Hebräisch und Englisch, und berichtete, was in Kyjiw vor sich ging: Dass die ukrainische Hauptstadt standhält und den Feind nicht reinlässt.

Emin nahm eine Schaufel und befestigte den Komplex zusammen mit den anderen. Und als die Geschäfte im Viertel schlossen, begann er, Brot zu backen. Freiwillige Helfer*innen brachten Mehl; mit den Nachbar*innen kneteten sie den Teig und machten Fladenbrote daraus, wie sie Emins Mutter in Aserbaidschan früher immer zubereitet hat.

Damals, im Februar 2022, als die russischen Truppen vor den Mauern Kyjiws standen, haben sie Emin oft gefragt: Warum gehst du nicht weg? Du bist kein Ukrainer und nicht wehrpflichtig. Warum bleibst du hier?

Emin hatte dafür nur eine Antwort: „Hier lebt Vladik, er ist mein große Liebe, mein Ehemann. Wie kann ich ihn verlassen? Wie kann ich Euch verlassen? Immerhin habt ihr uns alle aufgenommen. Ich habe nicht ein einziges homophobes Wort über uns gehört. Ich bin kein ukrainischer Staatsbürger, aber ich bin Ukrainer. Ein aserbaidschanischer Ukrainer. Ich werde bis zum Ende bei euch bleiben.“

In der Ukraine hat Emin eine neue Heimat gefunden, die er nicht verlassen will

Über ein Jahr ist vergangen und der Krieg hat sich von den Mauern Kyjiws entfernt. Im Sommer nahm sich Emin Zeit, in die Heimat zu fahren, um seine Mutter in Aserbaidschan zu besuchen. Und natürlich ist er zurückgekommen. Denn hier in der Ukraine hat er alles, was er zum Leben braucht: ein Zuhause und Menschen, die ihn so akzeptieren, wie er ist.

So könnt Ihr helfen:


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer Menschen in der Ukraine, die Hilfe brauchen und nicht an queere Organisationen angebunden sind. Das ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr die Option „Geld an Familie & Freunde senden“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschand an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen