„Ich will nicht weg hier aus der Ukraine“

Das ist die Geschichte von Manila Boss, einer Drag Queen aus der Ukraine. Die 28-Jährige erzählt, wie sie den Ausbruch des Krieges erlebt hat. Manila teilt ihre bewegende Reise, die Momente der Angst, des Überlebenswillens und der Solidarität, die ihr halfen, inmitten des Chaos die Hoffnung nicht zu verlieren. Unsere Kolumnistin Iryna Hanenkova hat Manila getroffen und ihre Story notiert.

Wie ich den Krieg kennenlernte? Unter der Bettdecke. Etwa eine Woche vor Ausbruch hatte ich so meine Vorahnungen, aber im 21. Jahrhundert schien ein großer Krieg weit entfernt. Ich saß zuhause und dachte, dass solche Dinge heute nicht mehr passieren. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für uns.

Mein Freund ist Soldat, und am 23. Februar abends verkündete er mir, ich solle nachts vorsichtig sein, sonst könnte mir etwas passieren. Als dann am 24. Februar um sechs Uhr morgens meine Mutter anrief, war mir schnell klar, was er gemeint hatte: Sie sagte: „Sohn, der Krieg hat begonnen. Steh auf, pack ein paar Dokumente und sei bereit.“ Meine Mutter wusste nicht, was sie mir raten sollte, denn wir leben in verschiedenen Städten.

Ich legte den Hörer auf und während ich noch auf dem Bett saß, hörte ich die ersten heftigen Explosionen. Das Chaos begann. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wohin ich gehen oder wo ich mich verstecken sollte. Die Angst überwältigte mich und ich fühlte mich hilflos.

Die Flucht vor den Raketen

In diesem Moment erreichte mich der Anruf eines Freundes. Er sagte mir, ich solle zu ihm in die WG kommen, wir müssten zusammenbleiben. Ohne zu zögern, schnappte ich meine Dokumente und einige Kleidungsstücke, rief ein Taxi und machte mich auf den Weg. Die Explosionen in der Ferne begleiteten mich; ich wusste nicht, ob ich sicher ankommen würde.

Überraschenderweise kam das Taxi schnell, ich fuhr unter den Explosionen zu meinen Freund*innen und wusste nicht, ob ich dort ankommen würde…

Während der ersten drei Wochen lebte ich in dieser Wohngemeinschaft. Bei jedem Luftangriff rannten wir, suchten Deckung, oft im Gelände eines Nachtclubs, in dem ich früher aufgetreten war. Der Club lag unterirdisch und schien relativ sicher.

Dann, als die Situation im Land klarer wurde, kehrte ich alleine nach Hause zurück. Ich fand mich in einem neuen Leben wieder. Der Club, in dem ich aufgetreten war, hatte seine Türen geschlossen – klar.

Hoffnung inmitten des Chaos

Gott sei Dank hatte und habe ich noch einen anderen Job, der mich über Wasser gehalten hat. Ich arbeite für die Jugendorganisation Partner. Unsere Zielgruppe sind LGBTIQ*.

Vor dem Krieg führten wir Tests auf STI durch und verteilten Verhütungsmittel. Nach Kriegsbeginn begannen wir, Binnenvertriebenen zu helfen, die aus den nahe gelegenen Städten Cherson und Mykolajiw geflohen waren.

Wir versorgten sie mit Lebensmitteln und humanitären Hilfsgütern, und für trans* Personen begannen wir, kostenlose Hormonersatztherapien anzubieten. Das machen wir bis heute…

Die Ukraine wird triumphieren

Anderthalb Jahre lang trat ich nicht auf einer Bühne vor Publikum auf. Ich wusste nicht, ob ich je wieder auftreten würde. Ich wusste nicht, ob irgendjemand das jetzt brauchte. Aber – Wunder! – vor Kurzem rief mich der Direktor des Clubs an, in dem ich früher auf der Bühne stand, und sagte: Manila, wir arbeiten wieder!

Von den ersten Tagen des Krieges an war ich auf dem Territorium meines Landes!!! Und ich wollte und will nicht weg von dort! Ich bin zu Hause!!! In der Ukraine!

Während ich diese Zeilen schreibe, geht der Krieg unvermindert weiter. Doch ich glaube fest daran, dass die Ukraine siegen wird. Ich bin stolz auf unsere ukrainischen Streitkräfte und auf unser Volk. Alles wird gut werden, denn am Ende wird die Ukraine triumphieren.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

Dmitry ist eine Drag Queen. In seinem Blog beschreibt der junge Ukrainer, wie er den Kriegsausbruch erlebt hat und wo ihn der Angriff Russlands schließlich hingeführt hat. Er musste seine Heimatstadt verlassen, seine Familie ist geflohen, ständig hat er neue Jobs finden müssen. Einziger Lichtblick: Die Liebe! Vor Kurzem hat Dmitry jemanden kennengelernt. Unsere Kolumnistin Iryna Hanenkova hat seine Geschichte für uns aufgeschrieben.

Es ist der 24. Februar 2022. Zwischen 7:30 und 7:35 Uhr morgens, so ungefähr. Das Telefon klingelt – meine Großmutter aus Saporischschja ruft an. Ich lebe zu der Zeit in Charkiw.

  • Hallo, Dima, was ist los bei Euch?
  • Was soll denn los sein?, frage ich.
  • Ist es laut? Bombardieren sie?
  • Wovon redest du? Ich muss gleich los, zur Arbeit. Was bombardieren sie?
  • Der Krieg hat begonnen.
  • Ich rufe zurück.

Der Krieg hat begonnen. Diese Worte sind wie ein Schock. Ich rufe die Nachrichten auf und lese, was los ist. Der Krieg hat in der Tat begonnen. Ich springe aus dem Bett, zieh mich an, wecke meinen Mitbewohner und sage ihm, er solle seine Sachen packen. Vorsorglich.

Ich würde die nächste Woche in Charkiw verbringen, zum allerletzten Mal.

Wir packen alles Notwendige ein, Dokumente, Lebensmittel. Wie vorausschauend war es gewesen, dass wir ein paar Tage zuvor genug für zu Hause eingekauft hatten. Am späten Nachmittag kommt ein Freund zu Besuch, der allein lebt. Ich wollte ihn mit all dem nicht allein lassen. Eine Woche lang schlafen wir im selben Bett – bei offenem Fenster, damit wir mitkriegen, was draußen vor sich geht. Wir haben keinen Hunger, essen nichts. Wir vergessen sogar zu duschen. Wir haben Angst davor.

Am 28. Februar gehen wir das erste Mal raus, weil uns die Zigaretten ausgegangen sind und wir vor lauter Nervosität wieder das Rauchen angefangen haben. Es ist der vierte Kriegstag. Wir sehen uns im Viertel um. Überall stehen sie Schlange. Nirgendwo Zigaretten oder die Läden sind zu. Am Ende der Straße finden wir schließlich einen Shop, der auf hat.

Die Russen beschießen wahllos das Zentrum

Es ist kalt draußen, der Himmel bedeckt, wir können nichts sehen. Wir stehen zwei, zweieinhalb Stunden an. Als nur noch zwei Leute vor uns sind, hören wir herannahende Flugzeuge und Explosionen. Nie im Leben hatte ich mehr Angst. Die Flugzeuge bombardieren das Stadtzentrum. Alle rennen, wohin sie können, weil man die Flugzeuge hinter den Wolken nicht sehen kann. Es ist sehr beängstigend. Diese Gefühl werde ich wohl nie vergessen.

Charkiw im Dezember 2022. Foto: Sibylle von Tiedemann

Ich hasse die Mistkerle, die in diesen Flugzeugen sitzen. Den Abschaum, der die Rakete gebaut hat, die gerade auf mich zufliegt. Sie ist nur 10 bis 20 Meter entfernt. Ich kann sie sehen. An diesem Tag schlägt sie in der Nähe in einer Gruppe von Menschen ein, die an einer Tierhandlung anstehen. Einer Frau werden die Beine zerfetzt; sie stirbt später im Krankenhaus an den Folgen ihrer Verletzung.

Wir geben die Suche nach Zigaretten auf und gehen nach Hause. Die Straße ist mit Raketen übersät – Blindgänger.

Ich schlafe erschöpft auf dem kalten Boden ein

Am Abend wieder. Sie bombardieren das Zentrum von Charkiw mit Flugzeugen. Die City, wo ganz normale Menschen leben. An diesem Abend schlafe ich auf dem Korridor auf dem kalten Boden ein, weil ich so erschöpft bin.

In all den Tagen darauf komme ich kaum zur Ruhe. Der Beschus dauert in der Regel bis nachts um zehn, elf, und dann geht es gegen sechs, sieben Uhr morgens wieder los. Die beiden Jungs schlafen schneller ein als ich, weil ich immer auf die Geräusche achte.

Mir wird bald klar, dass ich den Verstand verliere, wenn ich hier bleibe. Am 2. März beschließe ich, die Stadt, in der ich zwei Jahre lang gelebt habe, zu verlassen. Für lange Zeit.

In Friedenszeiten brauche ich zehn Minuten und zwischen 60 bis 70 Hrywnja, um zum Bahnhof zu kommen. Jetzt kostet ein Taxi zwischen 3000 und 5000 Hrywnja. So viel Geld habe ich nicht. Ein Junge und sein Vater erklären sich bereit, mich für 1000 Hrywnja mitzunehmen. Sie holen mich in der Nähe meines Hauses ab. Ich trage einen Koffer mit mir, aus dem ich noch sechs Monate lang leben sollte. Wir fahren durch eine leere, zerstörte Stadt, über der russische Flugzeuge kreisen.

Der Bahnhof ist voller Menschen

Ich bin diesen Menschen überaus dankbar, dass sie mich rausholen. Meine Freund*innen aus Dnipro haben mich überredet, zu ihnen in die Stadt zu kommen. Und so warte auf den Evakuierungs-Zug nach Dnipro – einen ganzen Tag.

Der Bahnhof ist überfüllt mit Menschen. Es gibt zwei Züge mit Frauen und Kindern darin. Das Bahnhofspersonal und Freiwillige verteilen Milch, Wasser, Kekse. Ich habe nicht mal Wasser dabei, was ich noch bereuen werde. Mein Gehirn versucht zu verstehen, was um mich herum geschieht. Es ist absurd, es ist Irrsinn; es kann nicht sein. Aber es ist die Realität.

Endlich: Meine Eltern!

Der Zug nach Dnipro besteht aus drei Waggons. Nur drei Waggons für die Menschenmasse hier. Man könnte auch sagen: „Wie ein Hering im Glas“. Wir werden in den Zug gepfercht. In der Nähe hören wir Explosionen. Wir haben alle Angst, dass dieser Wagen zu unsem Sarg werden könnte. Als der Zug abfährt, atme ich auf. Der Albtraum hier ist vorbei. Aber die Ungewissheit, der Blick aus dem Fenster machen es nicht einfacher. Ich habe wahnsinnigen Durst und es gibt kein Wasser. Die nächsten sechs Stunden fahre ich halb bewusstlos nach Dnipro.

In Dnipro bleibe ich zwei Wochen bei meinen Freund*innen. Dann kann ich endlich nach Saporischschja zu meinen Eltern. Ich bleibe bis Anfang April.

Flucht nach Kyjiw

Zu Hause rumsitzen und nichts zu tun. Das ist das Schlimmste! Am 6. April verlasse ich Saporischschja wieder und fahre in die Hauptstadt.

Ich lebe jetzt seit eineinhalb Jahren in Kyjiw. Ich habe bereits fünf Mal den Job gewechselt, und derzeit mache ich eine Ausbildung zum Beauty-Berater. Ich arbeite gelegentlich als Drag Queen; da liegt das nahe.

Im Januar habe ich eine große Harry-Potter-Aufführung mit veranstaltet, denn ich habe schon immer viel mit Kindern gearbeitet. Ich verstehe besser als jeder andere, dass sie jetzt ein Märchen brauchen – wir alle eigentlich.

In Saporischschja hatte ich mein eigenes Club-Projekt, sechs Jahre lang. Seit Kriegsbeginn konnten wir nur zwei Partys dort veranstalten. Saporischschja ist Frontstadt. Es war so schön, endlich einmal wieder Gäste zu haben.

Alles ist anders

Der Krieg hat vieles verändert. Er hat mir die Familie genommen, die ich früher so oft gesehen habe. Meine Mutter und meine Schwester leben jetzt in England, mein Vater ist in Saporischschja geblieben, zusammen mit meiner Großmutter. Mir ist erst jetzt klar, wie wichtig meine Familie in meinem Leben immer war.

Der Krieg hat mir auch meine Lieblingsstadt genommen. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich vom Umzug aus Charkiw zu erholen. Ich vermisse mein blühendes, schönes und liebes Charkiw.

Immerhin habe ich endlich einen lieben Menschen kennengelernt. Ich war sechs Jahre lang allein, und irgendwie ist es passiert, dass es jetzt, vier Monate später, nicht mehr so ist. Das ist wahrscheinlich das Einzige, worüber ich glücklich bin.

Das Leben geht weiter

Ich mache Pläne und hoffe, dass bald alles vorbei ist und wir alle wieder zusammen sein können. Ich träume davon, eine weitere coole (Drag-)Produktion zu machen. Aber ich fühle mich nicht in der Lage, das Konzept dafür zu schreiben. Vielleicht werde ich es eines Tages tun, aber sicher bin ich mir nicht.

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HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

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