„Ich werde bis zum Ende bei Euch bleiben“

Emin stammt ursprünglich aus Aserbaidschan. Vor Jahren kam er in die Ukraine, um zu arbeiten. Nach einem schwierigen Coming-out hat er hier die Liebe seines Lebens gefunden, Vlad. Und er hat Menschen kennengelernt, die ihn so akzeptieren, wie er ist. Niemals würde Emin aus dem Land fliehen – obwohl er könnte. Ein Portrait von Evgen Lesnoy.

Wer glaubt, dass in der Ukraine nur Ukrainer*innen leben, täuscht sich. Anders als es uns die russische Propaganda glauben lassen will, gibt es in unserem Land keine Zwangs-Ukrainisierung. Selbst Russisch sprechen im zweiten Jahr des Krieges selbstverständlich noch immer viele Menschen in den östlichen und südlichen Teilen der Nation.

In der Ukraine leben viele Menschen, die hierher kamen, um zu arbeiten. Sie stammen aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Und obwohl viele von ihnen keine ukrainischen Staatsbürger*innen sind, ist die Ukraine ihr Heimatland. Trotz des Krieges sind viele von ihnen geblieben, wie Emin.

Vlad und Emin. Foto: privat

Als Emin kennen ihn all seine Verwandten. Er ist 42 Jahre alt und Bürger Aserbaidschans. Allerdings lebt Emin nun schon seit über 15 Jahren in der Ukraine, in Kyjiw, um genau zu sein, den Außenbezirken der Hauptstadt.

Emin hatte sein Coming-out in der Ukraine. Er hat davor in der alten Heimat, auch in Moskau, wo er vor langer Zeit gewohnt hat, immer wieder versucht, sein Homosexualität zu unterdrücken. Aber man kann eben nicht gegen seine Natur leben.

Vald und Emin lernen sich beim Haareschneiden kennen

In der Ukraine hat er seine große Liebe gefunden. Vladik lernte er kennen, als der zum Haareschneiden kam. Denn Emin ist Friseur, obwohl er ganz früher mal Koch gelernt hat.

Seine Erfahrung in der Küche kam ihm in den ersten Monaten des Krieges zugute. Aber dazu gleich mehr.

Sie haben alle auf den Krieg gewartet. Keiner wollte glauben, dass er wirklich kommt, aber alle haben darauf gewartet. Emin und Vlad hatten, wie viele andere auch, ihre Koffer gepackt; sie standen im Flur.

Aber weder Vlad noch Emin machten dann von ihnen Gebrauch. Vom ersten Tag an, als die russischen Panzer auf Kyjiw zurollten, nur 15 Kilometer entfernt, beschloss das schwule Paar: Das ist unser Zuhause. Hier wollen wir bleiben.

Für das ganze Hause fing Emin plötzlich an Fladenbrot zu backen, wie er es von seiner Mutter gelernt hatte

In jenen Tagen organisierte der Wohnkomplex, in dem die beiden leben, seine eigene Territorialverteidigung. Waffen hatten sie zwar nicht, aber es war wichtig, Plünderer und Saboteure fernzuhalten. Vlad kommunizierte ständig mit verschiedenen ausländischen Medien, denn er spricht fließend Arabisch, Hebräisch und Englisch, und berichtete, was in Kyjiw vor sich ging: Dass die ukrainische Hauptstadt standhält und den Feind nicht reinlässt.

Emin nahm eine Schaufel und befestigte den Komplex zusammen mit den anderen. Und als die Geschäfte im Viertel schlossen, begann er, Brot zu backen. Freiwillige Helfer*innen brachten Mehl; mit den Nachbar*innen kneteten sie den Teig und machten Fladenbrote daraus, wie sie Emins Mutter in Aserbaidschan früher immer zubereitet hat.

Damals, im Februar 2022, als die russischen Truppen vor den Mauern Kyjiws standen, haben sie Emin oft gefragt: Warum gehst du nicht weg? Du bist kein Ukrainer und nicht wehrpflichtig. Warum bleibst du hier?

Emin hatte dafür nur eine Antwort: „Hier lebt Vladik, er ist mein große Liebe, mein Ehemann. Wie kann ich ihn verlassen? Wie kann ich Euch verlassen? Immerhin habt ihr uns alle aufgenommen. Ich habe nicht ein einziges homophobes Wort über uns gehört. Ich bin kein ukrainischer Staatsbürger, aber ich bin Ukrainer. Ein aserbaidschanischer Ukrainer. Ich werde bis zum Ende bei euch bleiben.“

In der Ukraine hat Emin eine neue Heimat gefunden, die er nicht verlassen will

Über ein Jahr ist vergangen und der Krieg hat sich von den Mauern Kyjiws entfernt. Im Sommer nahm sich Emin Zeit, in die Heimat zu fahren, um seine Mutter in Aserbaidschan zu besuchen. Und natürlich ist er zurückgekommen. Denn hier in der Ukraine hat er alles, was er zum Leben braucht: ein Zuhause und Menschen, die ihn so akzeptieren, wie er ist.

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