Brief von der Front

Petro Zherukha, ein 27-jähriger, bisexueller cis Mann, erzählt von seinem Leben als Soldat. Trotz aller Gefahren stellt sich Petro mutig seiner Identität und trägt stolz ein Regenbogen-Emblem auf seiner Uniform, um Akzeptanz in den eigenen Reihen zu finden. Unsere Kolumnistin Iryna Hanenkova hat seine Geschichte aufgeschrieben.

Mit Beginn der Invasion ging ich zur Armee. In diesen Tagen schien alles seine Bedeutung zu verlieren, mit Ausnahme des Sieges, der als einziges Moment direkt mit einer vermeintlichen Zukunft verbunden war.

Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, dass wir alle gar keine Zukunft mehr haben, weil wir und unsere Erinnerungen abgeschlachtet wurden. Aber ich verstand bald, dass die Liebe zu allem und der Glaube daran stärker waren als jede Angst vor dem Tod.

In der Armee diene ich in der Versorgungseinheit und kümmere mich um alles, was mit Transport zu tun hat. Meine Militäreinheit kam im Winter 2022 schnell an die Front; wir hatten wenig Erfahrung. Jeder Zweifel, jeder Fehler konnte unser Ende bedeuten.

Unser Logistikteam arbeitete fast rund um die Uhr. Wir diskutierten darüber, ob wir bei Alarm oder Explosionen in Deckung gehen sollten. Wir beschlossen, dass wir bis zum Schluss arbeiten würden. Wenn eine Rakete das Gebäude, in dem wir arbeiteten, treffen und wir sterben sollten, dann war das eben so. Und wenn nicht – dann explodiert sie irgendwo in der Nähe, wir brauchen uns keine Sorgen machen und können unsere Arbeit erst recht fortsetzen. Wir konnten uns keine Verzögerung bei der Arbeit leisten, da dies direkt Auswirkungen auf die Versorgung unserer Kämpfer*innen in den Stellungen haben würde.

Die Armee stellt dich als queerer Mensch vor Herausforderungen

Die Armee war nie die sicherste Umgebung für mich oder irgendjemanden im Allgemeinen. Der Dienst ist eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Das heißt, wenn man treu dient.

Wir bemühen uns, gute Soldat*innen zu sein, setz*en all unsere Energie, unsere Prinzipien, unseren persönlichen Freiraum, unsere Mittel, unsere Fähigkeiten, unser Wissen und sogar einige grundlegende Menschenrechte ein, nur um den Sieg näher zu bringen. Wir wissen, dass dieses System uns niemals danken wird, also akzeptieren wir die Tatsache, dass wir anonyme Wohltäter*innen sind und geben alles, was wir haben, um diesen Krieg zu gewinnen.

Ich kämpfte aber lange um meine Persönlichkeit und meine Identität dort. Ich habe gesehen, wie Menschen an der Front ihre Persönlichkeit verändert haben. Ich merke, dass auch ich mich anders fühle und vieles von dem verloren habe, was ich einst war.

Als ich meinen Freund*innen von der Idee erzählte, dass ich mich vielleicht outen sollte, pfiffen sie mich zurück. Ich bin sicher: Sie hatten Angst vor dem Unbekannten. Nach dem Sieg, sagten sie. Jetzt ist nicht die Zeit. Ein Spruch, der unsere Gesellschaft nur allzu deutlich beschreibt: Wir entscheiden uns, den Wunsch, jetzt glücklich zu sein, aufzuschieben. Und ich habe zunächst gehorcht.

Ich habe einen Freund, der sich für das Gesetz für eingetragene Lebenspartnerschaften eingesetzt, es mitformuliert hat. Als ich erfuhr, was er da für Menschen wie mich getan hat, beschloss ich, meine sexuelle Orientierung nicht mehr zu unterdrücken, keine Angst mehr vor den Reaktionen zu haben und offen über Diskriminierung zu sprechen, wenn sie passiert. Und so öffnete ich mich, vielleicht unter den gefährlichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Ihr werdet verstehen, dass dies in einem Kriegsgebiet geschah zwischen Brüdern und Schwestern, die seit mehr als einem Jahr kämpfen, die müde, erschöpft, verwundet, verloren sind. Meine Vorgesetzten hatten Angst, ich könne erschossen werden. Ich habe das nie geglaubt.

Als ich ein Abzeichen mit einer Regenbogenflagge an meiner Uniform anbrachte, wurde mir regelmäßig „geraten“, es abzunehmen, und ich glaube, dass sie einfach Angst hatten, es komme zu Aggressionen mir gegenüber. Einer fühlte sich unwohl, ein anderer diskriminierte mich passiv, und wieder jemand anders dachte, ich würde ihn selbst diskriminieren.

Ich will so akzeptiert werden, wie ich bin

Aber ich habe es akzeptiert: Ich bin für viele eine Zumutung. Deshalb diene ich mit einem Regenbogenabzeichen, damit mein Militär mich so nimmt, wie ich bin. Ich bin stolz, dass mir das gelungen ist, und ich habe das Gefühl, dass ich mich auf diese Weise dafür entscheide, gerade jetzt glücklich zu sein.

So könnt Ihr helfen


EINZELFALLHILFE Munich Kyiv Queer unterstützt mit einer eigenen, privaten Spendenaktion über www.paypal.me/ConradBreyer die Menschen in der Ukraine, die in Not oder auf der Flucht sind. Denn nicht alle sind an ukrainische LGBTIQ*-Organisationen (s.u.) angebunden. Die Hilfe ist direkt, schnell und gebührenfrei, wenn Ihr auf PayPal die Option „Für Freunde und Familie“ wählt. Wer kein PayPal hat, kann alternativ an das Privatkonto von Conrad Breyer, Sprecher Munich Kyiv Queer, IBAN: DE42701500000021121454, Geld schicken.

Wir helfen unsere Freund*innen und Partnern. Alle Gesuche aus der Community werden in Zusammenarbeit mit unseren queeren Partner-Organisationen in der Ukraine akribisch geprüft. Können sie selbst helfen, übernehmen sie. Übersteigen die Anfragen die (finanziellen und/oder materiellen) Möglichkeiten der LGBTIQ*-Organisationen, sind wir gefragt.

HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschland an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

Fragen? www.MunichKyivQueer.org/helfen

In der Ukraine kämpfen viele trans* Menschen in der Armee. Sie wehren sich gegen den Aggressor, der ihr Leben bedroht. Sie setzen sich damit aber auch für Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBTIQ* ein wie Antonina. Eine Geschichte zum Transgender Day of Visibility von unserem Korrespondenten Evgen Lesnoy.

Seit neun Jahren sind Antonina und Sascha ein Paar. Und seit sieben Monaten gemeinsam in der territorialen Verteidigungseinheit des ukrainischen Militärs aktiv. Antonina Romanowa ist eine non-binäre Person; ihr Pronomen ist „sie“. Vor vielen Jahren lernte Antonina, damals noch Anton, Sascha kennen. Erst später wurde sie sich ihrer Identität bewusst.

Sascha schreckte das nicht. Er musste sich lediglich daran gewöhnen, seinen Lieblingsmenschen nun in weiblicher Form anzusprechen. Bis zur Invasion arbeiteten beide fürs Theater. Gemeinsam entwickelten sie konzeptuelle Stücke, Performances.

Antonina (r.) und Sascha. Foto: privat

Schon am dritten Tag nach Angriff der russischen Truppen meldeten sie sich in Kyjiw bei der Armee. Antonina sagt, da habe es keine große Wahl gegeben. Zitternd zu Hause sitzen und sich vor den russischen Raketen verstecken? Nicht für sie! Die beiden hatten sich vor dem 24. Februar 2022 kaum vorstellen können, jemals eine Waffe in der Hand zu halten. Wo doch gerade sie von ihren Nachbar:innen so oft für ihre offen gelebte „nicht-traditionelle“ Liebe verhöhnt worden waren.

Beim Militär erfüllte sich für Antonina ein Traum

Als sie zur Territorialverteidigung kamen, beschlossen sie, ihre Gender-Identität und sexuelle Orientierung nicht zu verheimlichen. Jede:r Militärangehörige muss einen Rufnamen haben. Antoninas Traum ging in Erfüllung: Sie durfte sich mit Rufnamen Antonina nennen. In ihren Dokumenten steht bisher noch Anton, doch sie ist überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich das ändert.

Zunächst wurden die zwei in Kyjiw stationiert und ausgebildet. Sie lernten, mit Waffen umzugehen, Schützengräben auszuheben und sich vor russischen Drohnen zu verstecken. Dann hat man sie an die südliche Front verlegt. Jetzt kämpfen Sascha und Antonina.

Die LGBTIQ*-Community unterstützt die beiden. Alle haben Geld für ihre Uniformen, Panzerwesten und andere im Krieg wichtige Dinge gesammelt.

Antonina freut sich sehr, im Süden zu kämpfen, denn sie kommt von der Krim. Nach deren Annexion musste sie ihr Zuhause verlassen. Sie träumt davon, einst mit der ukrainischen Flagge auf ihre geliebte Krim zurückzukehren. Ihr großer Wunsch ist, dass der Pride einmal an der Küste der okkupierten Halbinsel stattfinden kann.

Die Angst vor dem Verlust

Ihrer beider größte Angst? Dass die/der andere umkommen könnte. Dann stünde der/dem Überlebenden laut Gesetz keine staatliche Hilfe zu, denn bisher gibt es in der Ukraine keine gesetzliche Regelung dafür. Sie hoffen, ja erwarten, dass die Ukraine demnächst ein Gesetz über gleichgeschlechtliche Ehen erlassen wird. Tatsächlich diskutiert das Parlament bereits darüber.

So könnt Ihr helfen


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HILFE FÜR LGBTIQ*-ORGANISATIONEN Wir haben zum Schutz von LGBTIQ* aus der Ukraine das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine mitgegründet. Ihm gehören um die 40 LGBTIQ*-Organisationen in Deutschand an. Sie alle haben ganz unterschiedliche Kontakte in die Ukraine und sind bestens vernetzt mit Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Gelder für die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen brauchen. Spendet hier

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